Moderne Klavierpädagogik – was das für mich bedeutet

Was moderne Klavierpädagogik für mich bedeutet

Was möchtest du eigentlich deinen Schülern mitgeben? Was ist für dich im Klavierunterricht wichtig?

Das sind Leitfragen, die dir dabei helfen die richtigen Ideen und Tipps für deinen Unterricht und die heutige Schülergeneration auszuwählen und umzusetzten.

Je klarer dein Bild von einer modernen Klavierpädagogik ist, umso besser kannst du darauf hinarbeiten und deine Werte und Ziele auch nach außen kommunizieren. Zum Beispiel auf deiner Website, so dass du die richtigen Schüler anziehst.

Moderne Klavierpädagogik

In unserer Pädagogik hat sich in den letzten Jahrzehnten viel getan. Eigentlich – denn in uns schlummern auch noch viele alte Vorstellungen davon, wie der Klavierunterricht auszusehen hat. Unsere Aufgabe ist riesig – wir dürfen aussuchen, was von unseren Traditionen weiterhin relevant ist und welche neuen Inhalte wir vermitteln wollen. Wir dürfen uns lösen und neue Wege entwickeln.

Egal ob traditionelle oder moderne Klavierpädagogik – ich denke ein Ziel haben beide Richtungen gemeinsam: Freude an und die Liebe zur Musik vermitteln. Die Unterschiede liegen unter anderem in der Vermittlung, der Erwartungen und der Literatur.

Die folgenden fünf Punkte sind Kriterien einer modernen Klavierpädagogik und mein eigenes Leitbild:

1. Der Schüler steht im Mittelpunkt

Ich begleite und unterstütze meinen Schüler auf seinem Weg am Klavier. Ich führe ihn durch die Anfangsphase und gebe ihm so bald wie möglich die Mitsprache bei seiner Literatur. Dafür zeige ich ihm unterschiedliche Stile und Komponisten.

Ich sehe mit der Zeit wo seine Stärken und Schwächen sind und fördere beides. Er darf in seinem Tempo lernen. Wir arbeiten gemeinsam.

Ich erwarte keine Blumen, Dankbarkeit, oder hörigen Respekt – ich fordere von meinen Schülern Interesse und Einsatz.

2. proaktiver Unterricht

Als junge Lehrerin war es mir immer sehr unangenehm, wenn ich die Schwierigkeiten eines Klavierstücks erst im Unterricht entdeckt habe.

Um aus diesem Schlamassel hinauszukommen, suchte ich schnell eine Lösung oder erfand eine Übung. Trotzdem war mein Schüler oft für mehrere Wochen demotiviert oder verwirrt.

Ich bin dankbar für diese Situationen, in denen ich viel gelernt habe, doch wenn möglich möchte ich meinen Schülern diese Momente ersparen!

So begann ich meine Schüler behutsam vorzubereiten. Erst später las ich bei Paul Harris („Der virtuose Lehrer“), dass dies proaktiver Unterricht genannt wird.

Einige proaktive Beispiele aus meinem Unterricht:

  • Ein neuer Notenwert taucht zuerst mit einer Rhythmusübung auf. Der Schüler kann sich so zuerst auf die Tonlängen konzentrieren und ist nicht vom Notenlesen und Fingersatz abgelenkt.
  • Um meinen Schüler auf den ersten Lagenwechsel im Stück vorzubereiten, spielt er vorher eine kleine Fingerübung in unterschiedlichen Lagen.
  • Damit ein Schüler nicht gleichzeitig mit dem schwierigen Rhythmus und dem seltsamen Klicken des Metronoms überfordert ist, führe ich das Metronom lange Zeit vorher ein. Früher oder später braucht man es!
  • Ebenso ist es mit Tonleitern, Akkorden, Arpeggien, Spielbewegungen etc. Ich gebe meinem Schüler technische Übungen, damit er über diese Bausteine nicht in seinen Stücken stolpert und sie schneller versteht. Und damit er die Basis für sein Improvisieren hat.

All dies findet separat von seiner Unterrichtsliteratur statt. So haben wir keinen Zeitdruck und er ist vorbereitet.

Ich mache auch Übungen am Stück, doch das ist selten etwas ganz Neues. Das kostet oft einfach viel Zeit und hält den Schüler auf. Eher sind es Übungen damit er schneller die Akkorde oder auch Abläufe lernt.

Übrigens ist es auch proaktiv, wenn du gezielt ein bestimmtes Stück aussuchst, um einen neuen Lerngegenstand einzuführen. Vorausgesetzt, dass es für ihn leicht ist und er sich total auf diese eine Sache konzentrieren kann.

Damit ich so unterrichten kann führe ich Stundenprotokolle und plane meinen Unterricht blockweise vor. Die Klaviermethoden, die ich verwende, habe ich genau unter die Lupe genommen und für mich angepasst und ergänzt. Darüber kannst du im Artikel „Die beste Klavierschule der Welt“ lesen.

3. Vermittlung von Handwerk

Ich wünsche meinen Schülern, dass sie lebenslange Freude am Klavierspielen haben.

Was genau sollten sie für dieses Ziel lernen?

Bestimmt nicht, dass sie Hanon und Czerny runterrattern können. Sie müssen auch keine Bach-Fugen oder Beethoven-Sonaten spielen. Viele unserer Schüler werden gar nicht so weit kommen. Das ist unglaublich schade für uns Lehrer, denn wir wissen was das für fantastische Musik ist. Wir können aber die Freude und das Verständnis für Musik fördern und unsere Schüler gut auszubilden.

Meine Schüler sollen das Handwerk des Klavierspielens lernen. Diese Fähigkeiten möchte ich mit ihnen entwickeln:

  • Effektives üben: Durch die Übe-Liste entwickeln sie Routinen und lernen in welcher Situation ein bestimmter Übe-Tipp hilft.
  • Sicheres Notenlesen: So können sie alles spielen was sie möchten.
  • Rhythmusverständnis: Damit sie selbst sich den Rhythmus herleiten können.
  • Grundlagen der Theorie: Durch dieses Wissen können sie schneller neue Stücke erfassen und lernen. Es hilft ihnen auch beim Improvisieren.
  • Körperbewusstsein: Damit sie wissen wie sich lockere Spielbewegungen anfühlen, um unnötigen Verspannungen oder sogar Verletzungen vorzubeugen. Ebenso lernen sie, wie sie damit einen schönen Klang erzeugen können. Dazu gehört es auch Fingersätze ernst zu nehmen und sie für die eigene Hand zu ändern.

4. Ansprechende Literatur

Ich möchte noch genauer werden – für den Schüler ansprechende Klavierliteratur. Nicht für mich!

Es hat seinen Grund warum die üblichen klassischen Standardwerke im Unterricht immer noch beliebt sind. Doch wenn wir unseren Unterricht zu stark darauf aufbauen, verlieren wir unsere Schüler. Diese alte Musik ist nun einfach unglaublich weit weg von ihrer Welt.

Und es gibt so viele fantastische zeitgenössische Kompositionen für den Unterricht! Oft von ganz tollen Pädagogen für ihre Schüler geschrieben.

Ich finde außerdem, dass wir an Popmusik nicht vorbeikommen. Das ist die Musik, die unsere Schüler hören und fühlen! Diese Musik ist für mich kein leeres Gedudel. Sie können daran eine ganze Menge über Rhythmus, Intervalle und Harmonien lernen.

Und ich zeige jedem meinem Schüler, dass ich ihn sehe und respektiere.

Natürlich kommt die Liebe zu den Klassikern nicht angeflogen, immer wieder dürfen und sollten sie mit den bewährten Meisterwerken in Kontakt kommen. Wir können uns gegenseitig bereichern, ich schlage klassische Stücke vor, die ihm gefallen könnten und er bringt mir eine Wunschliste von seinen Popsongs mit.

5. Kreativität

Sich in Klängen baden.

Gefühle verarbeiten.

Im Flow sein und dabei die Zeit vergessen.

Wäre es nicht toll, wenn dies unsere Schüler am Klavier erfahren könnten?

Neben dem Vermitteln des Handwerkzeugs ist auch der kreative Zugang zu Harmonien, Rhythmen und Formen ein wichtiger Teil moderner Klavierpädagogik.

Damit meine ich vor allem Improvisationen, doch vielleicht findet sich auch die Zeit und die Neigung zu komponieren.

Ich habe es nicht gelernt zu improvisieren und ich habe an anderer Stelle schon geschrieben, dass es Überwindung kostet. Trotzdem finde ich es wichtig, dass meine Schüler darin Erfahrungen sammeln dürfen.

Auf dem Weg

Damit du hier keinen falschen Eindruck von mir bekommst – ich habe längst nicht für alle Bereiche Lösungen gefunden. Ich bin auf der Suche und dies ist mein Leitbild für eine moderne Klavierpädagogik.

Vielleicht magst du dich ja mit mir auf den Weg machen?

Ich stelle die Frage vom Anfang noch einmal:

  • Was möchtest du deinen Schülern mitgeben?
  • Was ist für dich im Klavierunterricht wichtig?

Vielleicht schreibst du es dir einmal auf. Nimm wahr, was dir dazu in den nächsten Tagen für Gedanken kommen und ergänze dies. Entwickle dein eigenes Leitbild.

Schreib dazu einen Kommentar oder stelle mir Fragen. Oder schicke mir eine E-Mail.

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2 Kommentare

  1. Liebe Carina,
    was für ein wunderbarer Artikel und was für ein tolles, liebevolles, inspirierendes Leitbild!
    Ich finde es sehr berührend, wie einfühlsam du auf die Wünsche und Ziele deiner Schüler eingehst und wie viele Gedanken du dir darüber machst, wie du ihnen die Freude und Liebe am Musizieren erhalten kannst. Das ist echt beeindruckend!
    Ich wünsche, ich hätte als Kind so eine tolle Lehrerin gehabt, wie du eine bist! Dann hätte ich damals nicht nach ein paar Jahren Klavierunterricht frustriert „das Handtuch geworfen“, weil ich nie das spielen durfte, was ich doch eigentlich so gerne gespielt hätte!

    (Ich bin keine Klavier-Pädagogin, sondern einfach nur eine begeisterte Klavierspielerin, die ihre Leidenschaft und Freude am Klavier-Spielen nach vielen Jahren des Stillstands zum Glück wiedergefunden hat. Für mich gibt es auf diesem Weg noch so viel zu lernen. Daher lese ich alle deine Artikel immer mit sehr großer Neugier, Freude und Begeisterung!)

    Danke für diesen wirklich sehr inspirierenden Artikel! Er ist ein richtiges „Schatzkästchen“ voller wunderbarer Gedanken und Worte!
    Herzliche Grüße von Jenny

    1. Liebe Jenny,

      ganz herzlichen Dank für deinen Kommentar – ich habe mich wirklich sehr darüber gefreut!

      Wie schön, dass du wieder begeistert Klavier spielst!

      Ich kenne übrigens viele Kollegen, die sich ebenso viele Gedanken machen und kreative Ideen entwickeln, damit ihre Schüler Freude am Klavierspielen haben und behalten.

      Ganz herzliche Grüße zurück und schön, dass du hier dabei bist!
      Carina

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