Improvisieren am Klavier – nur Mut!

Improvisieren am Klavier

Improvisieren ist ein Thema, dass jede Menge Emotionen wie Bewunderung, Panik und Unsicherheit auslösen kann. Vor allem wenn man damit keine Erfahrung im eigenen Unterricht gesammelt hast. So wie ich. Gehörst du auch dazu?

Du fühlst dich beim Improvisieren am Klavier vielleicht wackelig, doch mit diesem Artikel möchte ich dich ermutigen dich auf das freie Spielen am Klavier einzulassen. Am Ende stelle ich dir dafür kurz meine Literaturempfehlungen vor.

Je vertrauter du selbst mit dem Improvisieren bist, umso besser kannst du deine Schüler anleiten. Logisch, oder?

Und zu Beginn wirst du ähnlich wie ein Schüler denken und fühlen. Ich würde das also sogar als Vorteil sehen, dass auch du noch am Anfang stehst. Umso besser kannst du dann ermutigen und unterstützen.

Theoretisch weißt du wahrscheinlich, wie du am Klavier improvisieren kannst.

Vielleicht hast du es auch mal im Unterricht versucht? Mit welchem Ergebnis?

Ich bemerkte in meinen Stunden, dass diese vermeintlich einfachen Improvisationsideen gar nicht so leicht waren.

Außerdem kam bei mir ganz schnell die Frage auf, wann denn eine Improvisation „fertig gelernt“ sei. Wenn es einmal gut geklappt hatte? Gab es daran nichts zu verbessern?

Ich habe mich so wischiwaschi gefühlt. Mit fehlten einfach konkrete Anhaltspunkte wie ich sie aus dem Notenbild gewohnt war.

Irgendwas machte ich wohl falsch…

Viele Berührungspunkte mit der Improvisation

Und das, obwohl ich immer wieder Informationen auf verschiedenen Seminaren aufgeschnappt hatte. Ich möchte dich kurz dahin mitnehmen…

2013 hörte ich auf dem Europäischen EPTA-Kongress den Vortrag „Bewegung, Empfindung und die Kunst des Improvisierens“ von Robijn Tilanus. (Sie hat ein Buch geschrieben: QUINTessenz: eine praktische Harmonielehre basierend auf Improvisation am Klavier, 2009.)

Sie setzte sich an den Flügel, suchte sich einen einzigen Ton aus, sammelte sich und improvisierte dann einfach los. Nur mit diesem einzigen Ton! Minutenlang. Ich war ziemlich beeindruckt.

Dann auf dem EPTA-Seminar in Fulda 2014 improvisierten zwei Studenten „Aleatorische Etüden“ an zwei Instrumenten. Vorher wurden immer bestimmte Regeln festgelegt. Sie einigten sich auf bestimmte Intervalle mit denen sie melodische oder harmonische Ketten bildeten. Oder ob ausschließlich weiße oder schwarze Tasten verwendet werden durften. Es wurden Taktart und die Stimmung oder das Bild ausgesucht. Ebenso der Rhythmus. Diese Elemente waren schon ausreichend.

Meine Erkenntnisse: Es gibt einfache Regeln, an denen man sich entlang improvisieren kann. Und es reichen teilweise schon wenige Töne, es muss vorab keine Akkordfolge gelernt werden. (Wie ich mal dachte…)

Etwas später nahm ich dann an einem tollen Seminar von Daniel Hellbach teil. Ich weiß nicht wie es den anderen ging, doch als er eine Freiwillige für eine Improvisation suchte, kramte ich ganz konzentriert mit gesenktem Kopf nach einem Stift in meiner Tasche. Bloß keine Chance für einen Augenkontakt entstehen lassen. Schließlich hatte ich ja noch nie improvisiert und wollte mich nicht blamieren… (So viel zum Thema Mut, denn ich wusste genau wo mein Kuli war!)

Doch eine Dame war unerschrocken und sie bekam die Aufgabe zwei Töne zu spielen. Wie lang sie die Töne anschlug und welchen Ton sie wie oft spielte, durfte aus ihrem Gefühl heraus passieren. Er begleitete sie mit einer Harmoniefolge.

Wieder klang es super und gab es eine einfache Regel („spiele diese zwei Töne“) und los gings. Sollte das Improvisieren etwa wirklich so einfach sein?

Meine liebe Freundin Sandra Labsch (Zauberklavier Verlag), die ebenfalls am Semiar teilnahm, lieh mir damals „In Tönen reden“. Wieder zu Hause stöberte ich durch das Buch und probierte alle möglichen Improvisationsideen aus. Siehe da: es ging ganz einfach und klang sofort ziemlich gut.

Und dann gab es da noch eine ganz seltsame Begebenheit:

Vor einigen Jahren buchte eine Dame mein Unterrichtszimmer als Geschenk für ihren Freund. Er hätte gerade kein Instrument und sie wollte ihm eine Stunde am Klavier schenken. Als ich dem Herrn öffnete fielen mir verwundert seine leeren Hände auf. Doch er brauchte keine Noten, er setzte sich ans Klavier und improvisierte drauf los. Zum Glück war das Fenster auf Kipp, ich setzte mich auf die Terrasse und hörte ihm beeindruckt zu. Er spielte wirklich die ganze Stunde lang!

Warum konnte ein Laie das, ich aber nicht? Das hat mich schon etwas gefuchst.

Mein wichtigster Tipp zum Improvisieren mit Schülern:

Vielleicht hast du ähnliche Situationen erlebt. Vielleicht hast du auch kleine Improvisationen im Unterricht probiert und es ging dir so wie mir. Und vielleicht fuchst es dich auch irgendwie, dass Laien es können, du aber nicht.

Mein wichtigster Tipp also an dich: Improvisiere selbst!

Du musst kein Profi werden, doch etwas Erfahrungen zu sammeln wird dir sehr im Unterricht helfen.

Dafür möchte ich dir folgende zwei Hefte empfehlen.

Francis Schneider: In Tönen reden: Freies Spiel auf dem Klavier

Das Buch, dass mir Sandra damals lieh. Ganz wunderbare Ideen – zum sofort loslegen! Ich würde es einfach irgendwo aufschlagen, den Text lesen, die linke Hand durchspielen und dann mutig die rechte Hand dazunehmen. Falls du nicht rein kommst, probiere es einfach mit der nächsten Seite.

Forrest Kinney: Create first! Solo 1 oder Duet 1

Von ihm gibt es jede Menge Hefte (Pattern Play und Chord Play), in „Create First“ geht es vor allem um Improvisation. Es gibt insgesamt vier Bände, wobei jeder Band als Solopart und als Vierhändig-Version (Duet) jeweils als Download erhältlich ist. Es gibt außerdem zu jedem Stück ein Video mit seinen Erklärungen. Eine tolle Sache!

Markiere dir die „Stücke“ (Improvisationen), die dir gut gefallen und/oder die du dir im Unterricht vorstellen könntest.

Improvisieren ist gar nicht so unkonkret oder zufällig, wie du vielleicht denkst. Es gibt Regeln!

Und die Improvisation am Klavier hat neben dem kreativen Musizieren einen weiteren Nutzen: Hier kann Form und jede Menge Musiktheorie gelernt werden! Francis Schneider verwendet zum Beispiel viele Skalen in der rechten Hand.

Ich werde bald einen Artikel über den Improvisationsstart im Unterricht schreiben. Bis dahin kannst du eine Runde eigene Erfahrungen sammeln, ok?

Schreibe doch im Kommentar welche Improvisationen du schon getestet hast! Zeige, wie mutig du schon warst!

2 Kommentare

  1. Liebe Carina,

    vielen Dank für Deinen Artikel.
    Improvisieren ist sicher für die meisten klassischen Klavierlehrer*innen eine große Herausforderung. Ich bin mir inzwischen fast sicher, dass es zwei große Gruppen von Klavierspielern gibt. Die, die gern improvisieren tun sich sehr schwer, Stücke nach Noten zu lernen und die, die gern Stücke nach Noten lernen, tun sich eher schwer mit dem Improvisieren. Oder „frei spielen“, wie ich es lieber nenne, denn „Improvisation“ hat für mich einen Qualitätsanspruch, dem ich nicht gerecht werden kann.
    Aber gut „frei spielen“ ist für mich definitv ein Ziel, welches ich verfolge. Ich arbeite dabei am liebsten mit Harmoniefolgen.
    Auf Deinen nächsten Artikel freue ich mich. Vielleicht habe ich ja auch noch die ein oder andere Idee.

    Liebe Grüße, Sandra

    1. Liebe Sandra,

      lieben Dank für deinen Kommentar.

      Ob man es „freies Spielen“ oder „Improvisieren“ nennen oder dazwischen unterscheiden möchte, ist wohl eine ganz persönliche Frage der Definition. Auch weiß ich nun nicht, welche Qualitätsmerkmale du meinst, denn ich habe bisher in keinem Vortrag, Seminar oder Artikel von solchen gehört.

      Du bist Komponistin und hast da mit Sicherheit noch einen anderen Blick auf das Improvisieren. Mit meinem Artikel möchte ich aber vor allem Kollegen helfen, die gern improvisieren wollen, doch sich noch nicht so richtig ran getraut haben oder sich durch die ersten Erfahrungen verunsichert fühlen.

      Improvisieren mit Qualitätsanspruch – auf jeden Fall! Doch muss es sofort wieder darum gehen wie man es „richtig“ macht?

      Es darf einfach auch mal NUR Freude machen Improvisationsideen auszuprobieren und Klänge entstehen zu lassen. Einfach mal machen, genießen, staunen und träumen.

      Liebe Grüße nach Mannheim
      Carina

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