Notenlesen üben – effektiv und motivierend

aktualisiert am 06.02.2023

Hand aufs Herz – wie sicher sind deine Schüler im Notenlesen?

Und wann habt ihr es das letzte Mal trainiert?

Wenn ich früher bei dem einen oder anderen Schüler eine Schwäche in seinem Notenlesen bemerkte, erklärte ich die unsichere Note am aktuellen Stück. Und ich nahm mir vor, das Lesen bald noch einmal intensiver zu behandeln. Doch wie es dann so ist – lieber arbeite ich an Stücken und es passierte leider nichts.

Das Notenlesen wurde schleichend immer unsicherer, bei einem Schüler mehr als bei dem anderen. Die Auswirkungen waren viele Übefehler und auch eine längere Lernzeit ihrer Stücke.

Dann stieß ich auf die One Minute Challenge und ich wagte einen Versuch.

Die One Minute Challenge

Über mehrere Wochen übst du mit allen Schülern in unterschiedlichen Leveln das Notenlesen und die Lage auf der Tastatur. Diese Notenlesetraining ist sehr effektiv – einmal im Jahr ist ausreichend.

Alle Informationen und Materialien findest du dazu in diesem Artikel.

Absolutes und relatives Notenlesen

Beginnen wir aber von vorn. Im Leseprozess spielen viele Dinge zusammen. Die Notenkärtchen trainieren das absolute Lesen, dies nutzen wir für das Erkennen des ersten Tones in einem Stück. Außerdem hilft es bei größeren Sprüngen und Lagenwechseln.

Innerhalb eines Stückes nehmen wir die Töne in Bezug zueinander wahr, so dass nicht jeder Ton gelesen werden muss. Dies ist das relative oder das intervallische Lesen, das zum Beispiel oft innerhalb einer Phrase genutzt wird. Oft sind es Schritte, Sprünge, Tonwiederholungen oder Muster.

Beide Lesevorgänge sind wichtig und werden kontinuierlich und unbewusst beim Spielen miteinander kombiniert. Deshalb fällt es auch nicht so schnell auf, wenn Schüler neue Unsicherheiten entwickeln.

Die One Minute Challenge trainiert das absolute Lesen.

Das effektive Training für sicheres Notenlesen

Die One Minute Challenge ist die Herausforderung, dass deine Schüler die Töne in ihrem Level innerhalb von einer Minute benennen und am Klavier anschlagen.

Wer es dreimal schafft, hat die Challenge gewonnen und bekommt als Bestätigung eine Urkunde.

Die Anfänger profitieren von diesem Training, da sie den Überblick über den immer weiterwachsenden Tonraum behalten und recht schnell ein Erfolgserlebnis haben.

Für die Schüler in der Mittelstufe wächst der Tonraum ebenfalls und Lagenwechsel kommen dazu. Außerdem ist ein weiterer Aspekt zu bedenken: Durch den höheren Schwierigkeitsgrad ihrer Stücke beschäftigen sie sich länger damit und sehen unbekannte Noten in immer größeren Abständen. Dies führt zu einer erneuten Unsicherheit im Notenlesen.

Die One Minute Challenge bringt diese Wissenslücken zum Vorschein und schließt sie durch die regelmäßige Wiederholung.

Notenlesen trainieren mit der One Minute Challenge
Übe das Notenlesen mit der One Minute Challenge.

Einteilung der Stufen

Ich habe in den letzten Jahren einiges ausprobiert und bin auf folgende Stufen gekommen:

  • Stufe 1 (16 Karten): Violinschlüssel: c1, d1,e1,f1,g1,a1,h1,c2 und Bassschlüssel: c,d,e,f,g,a,h,c1,
  • Stufe 2 (20 Karten): Violinschlüssel: h,c1, d1, e1, f1, g1,a1,h1,c2, f2 und Bassschlüssel: G,c,d,e,f,g,a,h,c1,d1
  • Stufe 3 (24 Karten): Violinschlüssel: a,h,c1,g1,a1,h1,c2,d2,e2,f2,g2,c3 und Bassschlüssel: C,F,G,A,H,c,d,e,f,c1,d1,e1,
  • Stufe 4 (26 Karten): Violinschlüssel: a,h,d1,e1,f1,g1,h1,c2,e2,f2,g2,a2,c3 und Bassschlüssel: C,E,F,G,H,c,d,f,g,a,h,d1,e1,
  • Stufe 5 (28 Karten): Violinschlüssel: g,a,h,e1,f1,g1,c2,d2,e2,f2,g2,a2,h2,c3 und Bassschlüssel: C,D,E,F,G,A,H,c,f,g,a,d1,e1,f1

Damit die Challenge gut machbar und motivierend ist, habe ich darauf geachtet, dass es nicht zu viele Kärtchen sind. Fast immer dabei sind aber die Ankertöne.

Vorbereitung

Ein paar Worte zur Organisation und Vorbereitung:

  1. Teile deine Schüler in die passende Stufe ein. Falls du unschlüssig bist, wähle besser die leichtere Stufe oder teste das Level im Vorfeld.
  2. Kündige die One Minute Challenge vorab an und verteile die Bastelsets (siehe unten) an deine Schüler, damit die Familien die Notenkärtchen vorbereiten können. Mach ruhig schon mal einen Durchgang, ohne die Zeit zu stoppen. So bekommen neue Schüler eine Idee wie die Challenge genau abläuft.
  3. Drucke dir die Ergebnis-Tabellen für alle Stufen aus und trage die Namen deiner Schüler ein.

Früher habe ich auch eine kostenpflichtige App (NoteWorks, für Android und Apple verfügbar) genutzt. Doch hier kann man leider immer nur einen Schlüssel üben. Außerdem ist selbst das höchste Spieltempo zu langsam für die Challenge.

Die One Minute Challenge in Aktion

So sieht der Ablauf aus:

Beginne am besten jede Stunde mit den Notenlesekärtchen, dann vergisst du es nicht so schnell und deine Schüler stellen sich darauf ein.

Auch wenn die Schüler das Notenlesetraining vergessen haben sollten, macht ihr zwei Durchgänge und du nimmst ihre Zeit.

Zuerst gibt es eine Aufwärmrunde, in der du noch etwas Hilfestellung geben kannst.

In der 2. Runde läuft dann die Stoppuhr mit und du hilft nicht mehr, sondern meldest dich nur, wenn der Schüler über seine Antwort nochmal nachdenken sollte.

Die erreichte Zeit trägst du dann in die entsprechende Tabelle ein.

Falls du einen festen Unterrichtsort hast, kannst du die Tabellen aufhängen. Deine Schüler werden dort gern nachschauen, wie sie im Vergleich mit den anderen liegen.

Im Hausbesuch hole ich die Tabelle raus und wir schauen uns die letzte Zeit des Schülers an. Oft sind sie auch neugierig, was die anderen in ihrem Level für Zeiten haben.

Oh ja, hier entsteht ein bisschen Konkurrenzkampf unter den Schülern. Genauso gut fordert es aber jeden heraus, die eigene Zeit zu schlagen. Beides hilft dabei das Notenlesen auch wirklich zu üben.

Unsichere Schüler, die durch den Zeitdruck völlig aus dem Konzept kommen, sollten erst bei großer Sicherheit getestet oder vielleicht ganz ausgenommen werden. Auf der anderen Seite denke ich, dass sie im geschützten Raum der Unterrichtsstunde diese Situation trainieren können.

Bewährt und bekannt

Diese Challenge habe ich auf dem Blogg der amerikanischen Klavierpädagogin Susan Paradis entdeckt. Die Idee ist von der ebenfalls amerikanischen Pädagogin und Autorin Jane Smisor Bastien.

Sie hat mit ihrem Mann James einige Klavierschulen und Ergänzungshefte in den 60er bis 80er Jahren herausgegeben. Ich habe bei sheetmusicplus.com die originalen „One Minute Club“ -Karten entdeckt, doch sie sind nicht erhältlich. Hat man die Challenge gewonnen, ist man nämlich im Club!

Mein Fazit über die One Minute Challenge

Ein sicheres Notenlesen erleichtert den ganzen Unterricht. Deine Schüler lernen ihre Stücke schneller und selbständiger. Ihr verbringt außerdem deutlich weniger Zeit mit der Korrektur falsch gelernter Töne.

Die One Minute Challenge hat seit 2016 einen festen Platz in meinem Unterricht und ich freue mich regelmäßig, wie sicher und selbständig meine Schüler ihre neuen Stücke lernen können. Einmal im Jahr um Ostern wiederhole und übe ich auf diese Art das Notenlesen und die Schüler wandern in mehreren Jahren durch die 5 Level.

Ich habe immer ein oder zwei unsichere Notenleser in meiner Klasse, doch diese haben in der letzten Challenge-Runde ihr Level nicht geschafft. Trotzdem haben auch sie sich erneut mit dem absoluten Notenlesen beschäftigt und Töne wiederholt.

Im Folgejahr schaffen sie in aller Regel dann das Level.

Materialien für die One Minute Challenge

Falls du noch keine Notenkärtchen haben solltest – aktuell gestalte ich eigene. Bald werden sie hier erhältlich sein.

Dazu passend habe ich Rückseiten gestaltet, damit die Eltern beim Üben besser helfen können. (In der Vorschau sehen sie seltsam aus, doch ausgedruckt ist grafisch alles prima. )Außerdem findest du eine Bastelanleitung, die Ergebnis-Tabellen und natürlich die Urkunde.

Weitere Anregungen findest du auch im Artikel 12 erprobte Tipps für ein sicheres Notenlesen.

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