Unser Weg als Klavierlehrer*innen

Hast du Angst, etwas im Unterricht falsch zu machen? Denkst du, das du dich nicht genug auskennst? Das dir Erfahrung fehlt?

Wenn ich im Austausch mit Kolleg*innen bin, begegnen mir immer unterschiedliche Versionen von Unsicherheit an den eigenen Fähigkeiten. Gerade auch, wenn mal als zweites Standbein oder als Quereinsteiger unterrichtet.

Ich kenne dieses Gefühl – trotz Musikpädagogik-Diplom. Denn eine Ausbildung hat wenig damit zu tun.

Unterrichten basiert vor allem auf Erfahrungen und die dürfen erstmal gesammelt werden. Keine Lehrerin und kein Lehrer haben von Anfang an alles „richtig“ gemacht.

Deshalb: Zweifel nicht an dir und lerne aus deinen Erfahrungen.

Unsere Aufgabe wirkt nebensächlich, doch sie ist so wichtig für unsere Gesellschaft.

Damit du dich nicht allein fühlst, möchte ich dir meinen Weg als Klavierlehrerin erzählen und dir Mut machen. Außerdem teile ich fünf Dinge, die mir in meiner Entwicklung geholfen haben.

Ich fände es ganz toll, wenn weitere erfahrene Lehrer*innen etwas von ihrem Weg in den Kommentaren erzählen könnten. Oder einen weiteren hilfreichen Tipp teilen würden.

Aus Fehlern werden Erfahrungen

Um das noch einmal ganz klar zu sagen: Es ist ok und völlig normal, dass wir als Lehrer*innen Fehler machen. Es geht gar nicht anders!

Eigentlich können wir uns über jeden Fehler freuen, den wir an unserem Unterricht entdecken.

Fehler sind Helfer.

(Lerncoachin Caroline von St. Ange)

Wie Caroline von St. Ange sagt: Fehler sind Helfer, denn dadurch erkennen wir, was wir noch nicht verstanden haben. Und das sorgt für Entwicklung.

Ich habe schon jede Menge Fehler im Unterricht gemacht! In meiner Spitzenzeit hatte ich 46 Schüler*innen pro Woche. Alle im Einzelunterricht, überwiegend in 30 min Einheiten. Ich hatte alle Altersklassen: Kita-Kinder, Grundschüler, Teenies, berufstätige Erwachsene und Senioren. Manche waren sehr langsam, unkonzentriert oder wild. Mit anderen war ich bei Jugend Musiziert.

Ich habe zu viel durchgehen lassen, ich war zu lieb, zu streng, zu verständnisvoll oder zu vorsichtig.

Und das ist alles ok. Diese Fehler helfen mir heute, überzeugender zu sein und zum Beispiel von den Schüler*innen hartnäckiger eine schöne Fingerhaltung zu fordern. Oder Eltern in der Probestunde zu sagen, dass die Kinder mindestens dreimal pro Woche üben müssen, damit es Spaß macht und sich Energie und Investition lohnen.

Sie helfen mir auch, mein Verständnis zu dosieren oder das ich weiß, was und wie viel davon meine Schüler*innen gerade brauchen.

Durch meine Erfahrungen bin ich auch in vielem lockerer geworden.

Bei mir muss ein Stück nicht zu 100% richtig gespielt sein, bevor es abgeschlossen werden kann. Vorausgesetzt es ist kein Konzertstück. Wenn ich das Gefühl habe, das alles Wichtige gelernt ist und es nur noch Flüchtigkeitsfehler sind, gehe ich lieber weiter.

Ich weiß aber auch, wo ich hartnäckig bleiben will: Schöne Fingerhaltung, lautes Zählen, gutes Notenlesen, regelmäßiges Üben und Fehler sofort korrigieren.

Die Dosis an Erklärungen, Kritisieren und auch mal über etwas hinwegsehen ist entscheidend, und das braucht Zeit und Erfahrungen.

Wir wissen, dass unsere Schüler*innen beim Lernen Fehler machen werden.

Warum gestehen wir uns das nicht ein und setzen uns unter Druck, sofort alles wissen zu müssen?

Und es ist in Ordnung, wenn auch unsere Schüler*innen merken, dass wir Fehler machen. Oder nicht alles wissen.

Besonders im Unterricht mit Kindern. Wir sind Vorbilder für unsere Schüler und es ist wichtig, ihnen zu zeigen, dass wir mit Gelassenheit und Neugier auf Fehler reagieren.

Falls du entdeckst, dass du ein zu schweres Stück gegeben hast, könntest du in Überfordert durch ein zu schweres Stück eine Lösung finden. Im Artikel über meinen wichtigsten Übe-Tipp gehe ich auf unsere Haltung gegenüber Fehlern ein.

Aber was ist mit der Klaviertechnik? Kann man sich hier Fehler verzeihen?

Du unterrichtest mit bestem Wissen und Gewissen. Auch hier werden dir in den ersten Jahren vor allem Fehler passieren, die du schrecklich finden wirst. Immer wieder habe ich meine Schüler*innen beim Spielen beobachtet und gesehen, dass es so gerade nicht gut funktioniert und ihnen (und mir) da die richtige Lösung fehlte.

Leider gibt es nicht die eine richtige Technik, das eine Buch oder Programm, dass du erarbeiten musst und dann weißt du alles, was du brauchst.

Vielleicht findest du aber ein paar Ideen im Artikel Klaviertechnik für Anfänger, die dich wieder ein Stückchen weiter bringen.

Aber mein Schüler ist ein besonders schwerer Fall…

Schwierige Schüler*innen haben wir alle schon gehabt. Ich kenne das Gefühl, dass man mit seinem Latein am Ende ist…

Wenn Schüler*innen wirklich nicht spielen wollen, dann spreche ich das an. Das ist für alle Seiten vertane Energie. Doch wenn ich Interesse spüre, dann mache ich weiter und probiere alles mögliche.

Denn: An schwierigen Schüler*innen kann man besonders viel lernen!

Zum Beispiel bin ich inzwischen sehr gut darin, schnell das Problem analysieren zu können. Wo hakt es genau? Ist der Ton, der Finger, der Rhythmus oder die Bewegung unklar?

Und ich weiß, wie geduldig ich sein oder wie kleinschrittig ich eine Stelle erklären kann. Dass habe ich durch meine sehr schwache Schüler*innen gelernt.

Heute mache ich viel weniger Fehler, doch es gibt sie immer noch. Ich lerne weiter dazu und das macht richtig viel Spaß!

Gerade wenn du noch nicht so viel Erfahrung hast, empfehle ich dir mein Zwischenresümee 20 Jahre Diplom – was ich bisher gelernt habe. Ich habe alle möglichen Erfahrungen zusammengetragen und in die drei Bereiche „Wie du starten kannst“, „Wie du unterrichtest“ und in „das Geschäftliche“ eingeteilt. Bestimmt findest du einige hilfreichen Gedanken darin.

Meine Tipps für deine Entwicklung als Klavierlehrer*in

Tipp 1: Baue dir deinen eigenen Erfahrungsschatz auf

Schreibe dir auf, welche Stücke jeder Schüler und jede Schülerin spielt. Mach dir eine kleine Notiz, falls zwischen zwei Stücken ein zu großer Sprung war oder ob eine andere Reihenfolge besser gewesen wäre.

So baust du dir mit der Zeit deinen eigenen Erfahrungsschatz auf und kannst auch nach Jahren auf diesen zurückgreifen.

Wie oft habe ich mich gefragt, welches Stück ich bei Schüler X nach dem Stück Y gegeben hatte. Irgendwann habe ich es mir dann aufgeschrieben…

Tipp 2: Schreibe auf, wie lange deine Schüler ihre Stücke spielen

Wenn du weißt, wie lang deine Schüler ihre Stücke spielen, kannst du Rückschlüsse daraus ziehen. Vor allem, ob das Stück passend oder zu schwer war. Dann kann das Erarbeiten mehr als 12 Wochen dauern.

Die Stücke dürfen aber auch gern unterschiedlich schwer sein. Zum Beispiel etwas leichtes, dass allein gelernt werden kann oder nur drei Wochen benötigt. Dann etwas im passenden Schwierigkeitsgrad und ein Stück, dass etwas herausfordernd ist. Das sorgt für Abwechslung und Motivation.

Ausführlich habe ich darüber im Artikel „Die 40 Piece Challenge und was wir davon mitnehmen können“ geschrieben.

Durch deine Notizen kannst du die Dauer des Erarbeitens im Auge behalten und die Motivation deiner Schüler*innen mitsteuern.

Tipp 3: Technik-Detektiv spielen

Wenn du siehst, dass bei deinem Schüler oder deiner Schülerin eine Bewegung nicht funktioniert oder der gewünschte Klang nicht kommt, beobachte sie und frage dich, woran es liegen könnte. Zu fester oder zu lockerer Anschlag? Zu kleine oder zu große Bewegungen? Was machen Handgelenk, Arm und Schulter? Dann spiele die Stelle und beobachte, welche Bewegungen du machst. Wie fühlt es sich für dich an?

Wenn du dir unsicher bist, welche Bewegungen und technischen Herausforderungen es überhaupt gibt, habe ich zwei Literaturtipps für dich: Der Techniktrainer von Jackie Sharp (unbezahlte Werbung) zeigt die Grundbewegungen und der Tastenforscher von Martina Hussmann und Guido Klaus stellt viele Übungen vor.

Für die Technik im Anfängerunterricht habe ich einen langen Artikel mit vielen Ideen zusammengestellt. Darin geht es um Fingerhaltung, erstes Zusammenspiel und der Beginn mit Tonleitern.

Es gibt nicht nur eine richtige Methode. Probiere aus und nimm das, was funktioniert.

Tipp 4: Lese Blogs und erfahre, was es alles für Ideen und Möglichkeiten gibt

Meinen Blog hast du ja schon gefunden und darüber freue ich mich sehr. Schreibe mich gern an, wenn du auf deine Frage hier keine Antwort findest.

Doch es gibt noch mehr! Kennst du die deutschsprachige Seite funtastig.com schon? Auch wenn Sandra Labsch sich inzwischen überwiegend ihrem Verlag widmet, findest du auf ihrem mein-klavierunterricht-blog.de wertvolle Ideen gerade Richtung Komponieren und Harmonielehre. Nutze die Suchfunktion oder stöbere durch die Kategorien.

Im englischsprachigen Raum kann ich Colourful Keys von Nicola Cantan, topmusic.co von Tim Topham und 88pianokeys von Leila Viss empfehlen.

Durch meine Recherchen habe ich so zum Beispiel die One Minute Challenge und die doppelte, vorbereitete Übe-Liste entdeckt.

Manche Ideen funktionieren nicht, weil es noch nicht der richtige Zeitpunkt oder der*die passende Schüler*in ist. Gib diese Impulse deshalb nicht sofort auf, sondern probiere sie einfach später noch einmal.

Tipp 5: Fokus und Pausen

Fokussiere dich auf eine Sache, wenn du etwas ändern oder in deinem Unterricht integrieren möchtest. Gerade wenn du im Internet unterwegs bist, wirst du viele tolle Sachen finden. Doch alles gleichzeitig funktioniert nicht.

Suche das aus, wovon die meisten deiner Schüler*innen profitieren können. Das kannst du mit einem schnellen Schülerüberblick besser erkennen.

Ein Aktionsthema könnte dafür eine gute Lösung sein.

Und wenn es dir gerade zu viel ist, dann ist es total in Ordnung auch eine Pause zu machen und alles erstmal etwas sacken zu lassen.

Woche für Woche sammelst du weitere Erfahrungen. Ganz bestimmt.

Welchen Gedanken nimmst du aus diesem Artikel mit? Schreib es gern in die Kommentare.

Und wenn du einen weiteren Tipp für den Weg als Lehrer*in hast, teile ihn auch gerne mit uns.

Hier noch einmal einige Links zu den erwähnten Artikeln:

2 Kommentare

  1. Liebe Carina, auch ich blicke auf eine lange Zeit als Klavierlehrerin zurück: fast 30 Jahre! Erst seit relativ kurzer Zeit mache ich mir (wieder) Notizen zu jedem Schüler.
    Ich habe für mich insgesamt festgestellt, dass den meisten Schülern in den ersten Jahren ein „langsameres“ Vorankommen gut tut. Immer wieder merke ich, dass Schüler, die zu mir von einem anderen Lehrer kommen, dort überfordert waren. Sie schaffen es dann schon irgendwie, aber vieles (sehr unterschiedliches) bleibt eben auch auf der Strecke.
    Strenger werden kann (sollte!) ich aber was das regelmäßige Üben angeht. Das möchte ich in Zukunft öfters ansprechen.
    Es bleibt viel zu tun für die nächsten 20-30 Jahre 😉🎶
    Julia

    1. Liebe Julia,

      ja, das kann ich bestätigen. Das sehe ich auch bei übernommenen Schüler*innen.

      Langsames Vorankommen baut viel Sicherheit auf. Manchmal ist man erstaunt, was Schüler*innen von Kolleg*innen schon tolles spielen, doch man weiß nie, wie nachhaltig das ist oder eben einfach nur andressiert. Mir ist wichtig, dass meine Schüler*innen gerne spielen und das Rüstzeug bekommen, damit sie ihr Leben lang Freude daran haben. In ihren Möglichkeiten.

      Auf die nächsten 20-30 Jahre – ich bin dabei! 😉

      Liebe Grüße
      Carina

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