Klaviertechnik: Eine Hand spielt lauter als die andere

Klaviertechnik: Eine Hand spielt lauter als die andere

Dein Schüler spielt dir etwas vor und plötzlich merkst du, dass es Zeit für eine wichtige Klaviertechnik ist. Du kannst die Melodie des Stückes nicht gut genug hören und du möchtest ihm zeigen wie er die Melodie laut und die Begleitung leise spielen kann.

Bei mir kommt dieser Moment oft wenn mein Schüler den Schritt von der Klaviermethode zu leichteren Originalstücken geschafft hat. Plötzlich fehlt mir die klangliche Differenzierung.

Ich nutze zwei Übungen um meinem Schüler den differenzierten Anschlag zu zeigen. Sie sind im ersten Moment nicht einfach, doch sehr wirkungsvoll und nach meiner Erfahrung reicht oft ein einziges Stück aus damit der Schüler diese Technik zu beherrschen lernt.

Die Unabhängigkeit der Hände

Wenn die Melodie lauter als die Begleitung gespielt werden soll, nenne ich dies „mit Balance“ spielen. In sehr vielen Stücken dominiert die rechte Hand (Melodie), während die linke (Begleitung) sie unterstützt. In den folgenden Beschreibungen gehe ich immer von dieser Situation aus.

Du kennst das wahrscheinlich: Du besprichst diese Technik mit deinem Schüler, doch wenn er „rechte Hand laut“ denkt, wird sein Anschlag insgesamt laut. Denkt er „linke Hand leise“, wird er auch die rechte Hand leise spielen.

Es geht um die Unabhängigkeit beider Hände. Und obwohl der Schüler wunderbar legato gegen staccato spielen kann, will die Balance einfach nicht gelingen. Ganz schön frustrierend…

Wie genau lösen wir diese Hürde im Unterricht?

1. Schummel-Balance

Dies funktioniert recht einfach. Bevor ihr damit anfangt, sollte der Schüler das Stück schon eine Woche zusammengespielt haben und relativ sicher sein.

Es werden die folgenden drei Regeln für die Schummel-Balance angewendet:

  1. Alles was beide Hände gleichzeitig anschlagen wird laut gespielt.
  2. Spielt die rechte Hand allein (und hat die Melodie), werden die Töne ebenfalls laut gespielt.
  3. Sobald die linke Hand einen Ton allein hat, wird er leise gespielt.

Dies hat den Effekt, dass die Melodie deutlich zu hören ist und die linke Hand diese nicht durch zu laute Töne stört.

Der Schüler übt in diesem Moment ein sehr bewusstes Steuern seiner Finger und benötigt dafür eine gute Konzentration und ein genaues Gehör.

2. Die Geisterhand

Hat dein Schüler raus wie er die geschummelte Balance produzieren kann, könnt ihr einen Schritt weiter gehen.

Die linke Hand wird zur Geisterhand, das heißt sie bewegt sich, doch ist nicht zu hören. Auch wenn der Name nicht optimal passt, bei den Schülern bleibt er hängen…

Dies gelingt wie folgt:

Beide Hände werden noch einmal einzeln gespielt. Die rechte Hand spielt recht laut und deutlich.

Die linke Hand allein „geistert“ nur über die Tasten, diese werden berührt, aber nicht nach unten gedrückt. Damit trotzdem eine Bewegung stattfindet, wird VOR dem Anschlag der Finger etwas gehoben. Dieses Heben ist entscheidend, damit später beim Zusammenspiel unterschiedlich viel Anschlagskraft eingesetzt werden kann.

Dieses Geistern bedarf viel Konzentration, der Schüler bewegt seine Finger sehr bewusst und ihr beide müsst sie gut beobachten. Die Bewegung ist das Einzige was ihr habt, es gibt keinen Klang. Es ist total ok wenn mal ein leiser Ton erklingt.

Ich gebe dies nur sehr dosiert als Hausaufgabe auf. Eventuell spielt die linke Hand nur die ersten zwei Reihen des Stückes, maximal einmal durch. Dies reicht aus um die Technik aufzubauen und es ist für den Schüler anstrengend genug.

Schafft die linke Hand allein das „Geistern“, spielen beide Hände wieder zusammen. Aber so, dass die rechte Hand mit lautem Anschlag spielt, die linke nur ihre Finger hebt und auf die entsprechenden Tasten tippt. Mit Geisterhand.

Auf diese Art gewöhnt sich der Schüler daran unterschiedlich viel Anschlagskraft einzusetzen. Wenn anschließend beide Hände wieder mit Ton spielen, sinken die die Finger der rechten Hand tiefer in die Tasten als die der linken Hand.

Diese Übungen sind sehr effektiv!

Und jetzt kommt die spannende Beobachtung, die ich bei meinen Schülern gemacht habe: Hat der Schüler diese beiden Techniken jeweils an einem einzigen Stück geübt, kann er es!

Beim nächsten Stück brauche ich oft nur an die Balance erinnern und es läuft sofort. Eventuell üben wir noch kurz mit einer der beiden Techniken, doch der Schüler hat es ganz schnell raus.

Eine größere Anstrengung ist es meiner Meinung nach nur beim Erlernen der Technik.

Falls du Fragen zu meinen Beschreibungen hast, melde dich gern per Kommentar oder E-Mail bei mir.

Oder hast du andere Begriffe für die oben beschriebenen Techniken? Oder kennst du eine weitere um die Balance zu üben? Nennst du es überhaupt auch „mit Balance“ spielen? Ich freue mich über deine Nachricht!

2 Kommentare

  1. Vielen Dank für Deinen interessanten Artikel, liebe Carina.

    Die Schummel-Balance kannte ich noch nicht, Das ist sicher auch interessant, wenn nicht ganz klar ist, wann beide Hände gemeinsame Töne haben.

    Das mit der Geisterhand unterrichte ich aber tatsächlich ein wenig anders. Hier lasse ich die Taste leicht herunterdrücken. Nur so weit, dass kein Ton entsteht. Während die Melodie von der rechten Hand möglichst laut angeschlagen wird. Funktioniert bei meinen Erwachsenen ganz wunderbar.

    Wie bist Du darauf gekommen, die Finger anzuheben und die Taste gar nicht anzuschlagen? Und wann beginnst Du mit Deinen Schülern an der Klangbalance zu arbeiten?

    Viele Grüße aus Mannheim, Sandra

    1. Liebe Sandra,

      vielen Dank für deinen Kommentar.

      Das „Finger anheben“ kenne ich aus der russischen Technik. Ich habe überwiegend Kinder und finde es hilfreich, dass unterschiedliche Klangziele unterschiedliche Bewegungen haben. Das Heben sorgt für ein sehr gutes Fingerbewusstsein und hilft die Lautstärke zu steuern.

      Ich beginne damit, wenn die Schüler aus ihrer Methode herausgewachsen sind. Sie spielen dann ais „Masterwork Classics 1-2“, Stücke von Karin Gross oder auch deine schönen „Charming Moments 1“.

      Ganz liebe Grüße!
      Carina

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