Neue Musik: Fantasievolle Welten, Klangfarben und Stimmungen entdecken

Neue Musik überfordert schnell beim bloßen Zuhören. Dissonante Klänge, starke dynamische Kontraste, Abfolgen von Tönen, die scheinbar nicht zusammenpassen. Und das Notenbild ist ebenfalls schwer zu verstehen. Was sollen nur diese komischen Zeichen bedeuten?

Fühlst du dich auch von neuer Musik überfordert oder ist sie Teil deiner Unterrichtsliteratur?

Moderne Kompositionen sind im Wettbewerbsprogrammen sehr gern gesehen – doch können sie auch eine Bereicherung im normalen Unterricht sein? Und wie kannst du für dich und deine Schüler den Zugang zu dieser Musik finden? Welche Literatur eignet sich für den Einstieg?

Ich freue mich, dass uns die Komponistin und Klavierpädagogin Nathalie Fey Yen Herres zu diesem Thema einen Gastartikel geschrieben hat. Sie erzählt uns von ihrem Weg zur Neuen Musik, zeigt anhand einiger Beispiele wie sie diese im Klavierunterricht erarbeitet und gibt am Ende einige Literaturempfehlungen.

Viele unserer Schüler wachsen mit der fantasievollen, mystischen Geschichte von Harry Potter auf. Später kommen vielleicht Filme wie „Herr der Ringe“, „Avatar“ und „Star Wars“ dazu. Eventuell bewegen sie sich auch am Computer durch verschiedenste fantastische und skurrile Welten. Die begleitende Musik ist oft sehr episch und auf ihre Art faszinierend.

Ich liebte schon immer mythische Welten, Fantasy- und Science-Fiction-Geschichten. Für die Vielfalt der Bilder in meinem Kopf fehlte mir in der begleitenden Musik aber die Abwechslung und das Fremde. Und genau das fand ich dann in der Neuen Musik.

Klänge, die nicht konkret sind und die abstrakten, fantastischen Stimmungen einfangen können. Musik, die das emotionale Spektrum noch einmal erweitern kann, weil die Form mehr Freiheit bietet. Neue Klangfarben, die auf dem Instrument erzeugt werden können.

Dies ist eine zusätzliche Ebene, die sich mir eröffnet hat und besser auf das passt, was ich ausdrücken möchte. Besser als das, was die tonale Musik mir bietet.

Neue Musik ist natürlich für alle Beteiligten erst einmal fremd und schräg. Schon die meisten Lehrer haben kaum Zugang dazu und möchten sie deshalb nicht unterrichten. Eltern oder Freunde der Schüler sind auch nicht für das „komische Zeug“ zu begeistern und unter den Voraussetzungen haben die Schüler dann auch selten Lust auf Neue Musik.

 Außer wir finden Wege uns zu begeistern und die Schüler gleich mitzunehmen!

Was ist beim Unterrichten von Neuer Musik „anders“?

Eigentlich gar nicht so viel wie du denkst. Zumindest wenn du generell mit Bildern unterrichtest. Die sind nämlich sehr wichtig für Neue Musik!

Neue Musik arbeitet natürlich auch mit zusätzlichen Techniken und Konzepten, die die Musik auch ausmachen. Glissandi, Obertoneffekte, Innenräume, rhythmische und melodische Freiheiten, sehr komplexe Rhythmik oder Cluster um einige zu nennen. Die führst du genauso ein, wie andere neue Techniken – du solltest dich also zuvor damit beschäftigt haben und Wege suchen, sie deinen Schülern zu zeigen.

Hierzu gibt es leider kaum Literatur und auch in der Fachdidaktik bekommt man wohl wenig Ideen, weshalb ich einem interessierten Lehrer vor allem das Schauen von YouTube-Videos und eigenes Experimentieren empfehlen kann. Wenn ich mich Cage oder Crumb nähere mache ich das genauso – anhören, anschauen und dann experimentieren.

Du hast bestimmt schon einmal mehr oder weniger bewusst Neue Musik unterrichtet. Vielleicht ja auch das Stück „Insel im Meer“ aus den Tastenabenteuern mit dem kleinen Ungeheuer Band 1?

„Insel im Meer“ aus Tastenabenteuer mit dem kleinen Ungeheuer

Dieses Stück ist schon auf einer Illustration gedruckt, die eine tolle Einführung in die Komposition bedeutet. Also kannst du zunächst mit deinem Schüler über eine Insel im Meer reden.

Spiele ihm das Glissando vor und überlegt gemeinsam, was dies für ein Klang auf der Insel sein könnte. Für die meisten Schüler ein sanfter Wind, der durch die Palmen weht. Aber vielleicht könnten es auch vorbeifliegende Vögel sein?

Dann zeigst du wie er das schwarze Tasten Glissando spielen kann. Ich empfehle das Nutzen der Innen- oder der Außenseite der Hand. Ersteres tut weniger weh, die zweite Variante sorgt für eine bessere Kraftverteilung, doch es muss ein guter Winkel gefunden werden. Dazu das Pedal treten – dann klingt es toll.  

Hört dem Glissando nach – deshalb stehen hier auch keine Taktstriche. Das braucht bei jedem anders viel Zeit.

Dann kannst du ihn die kleine Melodie vom Blatt spielen lassen. Singt da vielleicht jemand auf der Insel?

Danach würde ich dem Schüler das ganze Stück einmal vorspielen.

Zum Einstieg doch gar nicht so schlecht. Ihr habt etwas Zeit auf einer tropischen Insel verbracht, das schwarze Tasten Glissando erfahren, freie Notation ohne Taktstriche erkundet und Klängen nachgehört – nützlich für alle möglichen Stilistiken.

Das Stück ist natürlich auf der Skala für Neue Musik noch sehr mild. Schauen wir uns ein weiteres Stück an.

African Dawn von June Armstrong

Das Stück African Dawn aus der Sammlung „Safari“ von June Armstrong ist wahrscheinlich weniger bekannt.  Zu Beginn zeige ich zum Beispiel gern ein Bild (aus dem Internet) von einem Sonnenaufgang in der Savanne.

Dann spiele ich die zwei Hauptmotive vor. Könnte dies das Erwachen der Natur sein? Ein freudiger Gruß an den neuen Tag? Wir sprechen über Quinten und suchen und spielen sie.

Dann betrachten wir den Rhythmus. Vieles darf frei gespielt werden also gilt es immer wieder nachzuhören – immer dann, wenn man die Bögen sieht. Doch die Notenlängen werden genau so lang gehalten wie notiert. Außerdem besprechen wir was zusammen oder nacheinander gespielt wird.

Ich unterrichte das Stück lange bevor die Schüler die Noten dazu lesen können. Es ist eine wunderbare Studie für die Orientierung auf der Tastatur. Ich male Tastenbilder für Es-B und Des-As und zeige das Es.  Wir arbeiten mit Farbcodes und da „8vb“ oft noch nicht bekannt ist, schreibe ich einfach „tief“ in die Noten.  

Mit der Quinterfahrung wäre „The Elephant Herd“ (die Elefantenherde) ein geeignetes nächstes Stück. Und dann kann man weitere spannende Tiere und Stimmungen in der Sammlung „Safari“ erkunden: Regenschauer, kreisende Geier, rennende Giraffen und Flamingos im Wasser zum Beispiel.

Und wie unterrichte ich Klassiker wie Kurtág?

Die genannten Beispiele sind natürlich alles neuere „didaktische“ Kompositionen, die das Bild quasi mitliefern. Wie steht es aber um so einen Klassiker wie Játékok I von György Kurtág?

Eine nette Kollegin erzählte mir einst, dass sie das Buch gekauft hätte, die Notation gesehen und es dann ganz hinten im Regal hat verschwinden lassen.

György Kurtág nutzt eine eigene Notation, die er im Beiheft zu Játékok I beschreibt. Diese verwendet er parallel zu traditioneller Notation, so dass in dem Notenheft oft Stücke mit „Kurtág-Notation“ aus den linken Seiten und Stücke, die traditioneller notiert sind auf den rechten Seiten zu finden sind.

Wenn du also Schwierigkeiten mit den Symbolen hast, kannst du mit den Stücken auf den rechten Seiten einsteigen. Um das ganze Heft zu nutzen, müsstest du dich aber auch mit dem Beiheft befassen. Es gibt inzwischen auch schöne Aufnahmen der Stücke, die helfen, wenn die Beschreibungen versagen.

Nr. 2 aus „Fünf kleine Klavierstücke“ von György Kurtág

Als Beispiel nehme ich aus diesem Heft die Nr. 2 aus den 5 kleinen Klavierstücken (ab 2´57´´). Das spielte meine Tochter mit Begeisterung im Kindergartenalter. Hier befasst man sich mit Kurtágs Cluster-Notation. Diese Cluster sollen mit der Handfläche ausgeführt werden. Keine Versetzungszeichen – also kann der Tonumfang der Cluster frei gewählt werden. Wahrscheinlich schwarze und weiße Tasten gemischt.

Probiert die Cluster aus. Wie klingen sie voll und laut? Das braucht ihr für das Stück.

Als nächstes können die unterschiedlichen Bereiche der Tastatur durch Farben verdeutlicht werden. Möchtest du genau unterscheiden, solltest du sechs Farben benutzen. Im Bass zum Beispiel schwarz (ganz tief), braun (Mitte Bassbereich) und rot (etwas höher Bass). Im Violinschlüssel hellgrün (über dem mittleren C), hellblau (etwas höher Violinschlüssel) und gelb (ganz hoch Violin). Möchtest du etwas freier mit dem Text umgehen, reichen auch vier Farben: zwei für den Bass- und zwei für den Violinschlüsselbereich.

Anschließend legt ihr ungefähre Bereiche für die Cluster fest und übt diese zu treffen.

Dann könnt ihr euch dem Stück in kleinen Abschnitten taktweise nähern. Es ist gar nicht so einfach, Cluster in bestimmte Bereiche zu setzen, während die andere Hand ganz rhythmisch ihre Viertel spielt. Später fasst ihr dann nach und nach größere Einheiten zusammen.

Den Schluss kann man gut vorweg üben – bis sechs zählen und dann mit diesem Puls nur mit den Daumen noch ein lautes Stampfen nachsetzen. Ein portato mit viel Armgewicht. Alles eher Moderato pesante bevor es langsam zum Allegro gesteigert wird.

Dieses Stück könnte ein wilder Elefantentanz sein. Oder tanzen dort große, starke Oger, die Fantasiewesen? Vielleicht findet ihr auch ein weiteres Bild für diese Musik.

Nun gehen wir ein bisschen aus dem Anfängerbereich heraus.

Arctic Voices von Susan Griesdale

Als Beispiel für fortgeschrittene Schüler möchte ich das Stück „Arctic Voices“ aus der gleichnamigen Sammlung von Susan Griesdale vorstellen. Das ganze Heft zeigt anspruchsvoll, was mit vielen Quinten gestaltet werden kann und macht für mich die Eiswelten magisch.

Zu Beginn ein tiefer, lauter Ruf – vielleicht ein großer Eisberg? Gefolgt von einer hohen Antwort, eine Art Echo.  Der komische Balken bedeutet ritardando, welches wir sofort üben. Die punktierte Halbe zählen wir etwas länger als notiert. Vielleicht vier nachdenkliche Pulsschläge daraus machen?

Dann wird es schräg – wieder Eisberge? Hier ganz rhythmisch bleiben und laut werden – vielleicht sind sie aufeinander gekracht? Ein Vogel tschirpt (ppp mit Vorschlag). Trotz Nachhorchens auch zählen.

Das Stück hat viele Taktwechsel. Dann kommt ein rhythmisch sehr klarer, aber klanglich etwas schräger Teil, in dem einerseits die Tonhöhen und Sprünge geklärt werden müssen, anderseits gut gezählt werden sollte. Vielleicht ein kleines Lied für die Arktis. So eine Art Lamento, das wieder in das ff des Anfangs führt. Am Schluss dann ein Abgesang. Der Traum verklingt.

Bei schwieriger Rhythmik mache ich oft den Rhythmus ohne Tonhöhen zuerst. Bei unangenehmen Sprüngen dagegen umgekehrt – erst die Töne finden, dann das Ganze im Rhythmus versuchen. Bei Arctic Voices kommt beides vor. In den Takten 5-8 sind z.B. 3 Taktwechsel. Die würde ich erst klopfen und zählen lassen. Die Töne sind auch nicht wirklich leicht zu finden – deshalb auch erst in kleinen Abschnitten unrhythmisch, dann rhythmisch. Unangenehme Sprünge wie in den Takten 12- 14 lasse ich auch gerne erst einmal völlig ohne Metrum ganz entspannt üben.

Die für Neue Musik so typische Dynamik differenziere ich erst später mit dem Schüler aus. Den Anfang benötigt viel Armgewicht für das fortissimo. Von piano zu piano pianissimo ist es sehr schwer zu decrescendieren. Dieses Stück verdeutlicht, dass piano und forte mehr Klangfarben als absolute Dezibel sind. Spielt man zu leise piano bleibt nichts mehr für das piano pianissimo…

Zum Schluss möchte ich dir noch einige Hefte für den Einstieg empfehlen.

Empfehlungen für den Start in die Neue Musik

Neue Musik für Anfänger:

  • June Armstrong: Safari oder Alphabet
  • Dennis Alexander: Animal Magic
  • Dianne Goolkasian Rahbee: Pictures and Beyond Band 1. The FJH Music Company
  • „Klasssiker“ zum weiter schnuppern: György Kurtág: Játékok I. Editio Musica Budapest.

Neue Musik für Fortgeschrittene – etwa Unterstufe 2:

  • Susan Griesdale: Arctic Voices
  • Monika Hildebrand (Hrsg.): Piano varieteé, UE
  • June Armstrong: Puffin Island und Stars
  • Michael Ostrzyga: Der singende Wind. Breitkopf Pädagogik.
  • „Klassiker“ zum weiter schnuppern: Jenö Takacs: Klänge und Farben op. 95

Neue Musik für Fortgeschrittene – ab Anfang Mittelstufe:

  • Christoph J. Keller: Im Wunderland. Augemus
  • Alexina Louie: Star Light, Star Bright
  • Tan Dun: 8 Memories in Watercolor. G.Schirmer
  • „Klassiker“ zum weiter schnuppern: Helmut Lachenmann. Ein Kinderspiel. Breitkopf & Härtel

Stufenübergeifend:

  • Nathalie Herres (Hrsg): Ungewohnte Klänge, (4 Bände – Band 4 ein reiner Spielband). Verlag Neue Musik Berlin. Kompositionen in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden zu ausgewählten Problemstellungen der Neuen Musik.

Hast du Lust auf Neue Musik bekommen? Hast du Fragen?  Schreibt mir hierfür gerne eine Nachricht in den Kommentar!

Nathalie Fey Yen Herres

Über mich: Ich bin eine Komponistin multikultureller Abstammung. Nach einem langen Umweg über die Chemie/Biochemie kam ich erst spät zum Kompositionsstudium. Nach einem Liebäugeln mit Filmmusik fing mich die Neue Musik immer mehr an zu faszinieren, so dass ich dieses Studium aufnahm und mit Diplom- und Meisterklasse abschloss. Da ich schon seit ich Schülerin war Klavier unterrichtete und mich die Didaktik sehr interessiert, habe ich mich auch während des Studiums mit der Frage beschäftigt, wie mehr Neue Musik in den Instrumentalunterricht einziehen kann.

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