Gleichmäßiges Spielen am Klavier: Vier Ursachen für stockendes Spielen und ihre Lösungen

Gleichmäßiges Klavierspiel

Wann kommt meine Schülerin endlich flüssig durch ihr Stück, dass sie seit Wochen spielt? An jedem Taktstrich pausiert sie und sucht die nächsten Töne. Eigentlich kann sie diese doch lesen, doch gleichmäßig ist ihr Spielen noch immer nicht.

Aber wenn es nicht am Notenlesen liegt, was ist es dann?

In diesem Artikel findest du vier mögliche Ursachen für stockendes Spielen, wie du die entsprechende Ursache erkennen und dann lösen kannst.

Ursache 1: Überforderung oder fehlende Vorstellung vom Stück

Dieses Phänomen ist sehr häufig: Es wird einfach zu schnell gespielt. Zu schnell, um an alles denken zu können. So passieren ständig unnötige Fehler oder das Spielen wird immer wieder unterbrochen, um die Töne zu suchen.

Woran können Schüler*innen merken, dass sie zu schnell sind?

Wenn sie mit Denkpausen spielen.

Die Lösung heißt also: Langsam spielen!

Da bist du bestimmt auch schon drauf gekommen…. Aber die Schüler*innen wollen und schaffen es oft nicht.

Das immer wieder daran erinnern hilft oft wenig. Häufig wissen sie gar nicht, wie sie die Finger bremsen können. Oder wie es sich anfühlt, das Stück langsam zu spielen.

Wie kannst du deine Schüler*innen bremsen?

Damit meine Schüler*innen langsamer spielen, nutze ich gern diese drei Wege:

Die rechte Hand mitspielen

Oft hilft es, wenn du die rechte Hand mitspielst. So hören deine Schüler*innen was du überhaupt mit „flüssig“ oder „gleichmäßig“ meinst. Sie merken, an welchen Stellen sie zu schnell sind oder welches Grundtempo erstmal angebracht wäre.

Je nach Stück kannst du alles mitspielen, vielleicht ist es besser abschnittsweise zu klären.

Falls eine Schülerin oder ein Schüler sich davon überfordert fühlen, wäre der nächste Weg wahrscheinlich besser.

Vor- und Nachspielen

Manche Schüler sind so mit sich beschäftigt oder sie hören nicht gut zu, dass sie dich schlecht wahrnehmen können.

Hier kannst du ein abschnittsweises Vor- und Nachspielen einsetzten. Du kannst es so vereinfachen, wie es gebraucht wird. Nur ein oder zwei Takte. Nur eine Hand.

Lautes Mitzählen

Das laute Mitzählen oder Mitsprechen von Rhythmussilben (ich nutze die Rhythmussprache angelehnt an Kodaly) kann zusätzlich eingesetzt werden. Auch hier hören die Schüler*innen wieder, wenn sie zu schnell sind und passen sich deinem Tempo an.

Auf den Abstand zwischen den ersten zwei Tönen konzentrieren

Die oberen Lösungen funktionieren gut im Unterricht. Doch wie können unsere Schüler*innen das richtige Tempo beim häuslichen Üben finden?

Mache sie auf folgendes aufmerksam:

Das Tempo entsteht zwischen den ersten beiden Tönen!

Spielen wir den zweiten Ton schnell nach den ersten, werden auch die anderen Töne schnell folgen.

Lassen wir zwischen den ersten beiden Tönen aber Zeit, sind wir in der Lage auch die folgenden Töne langsam zu spielen.

Demonstriere dies deinen Schüler*innen und lasse sie es selbst testen. Gern auch in unterschiedlichen Tempi.

Ursache 2: Die Töne sind noch nicht sicher genug

Beim Zusammenspiel müssen unsere Schüler*innen beide Hände koordinieren und haben dadurch nicht mehr so viel Zeit sich um einzelne Töne oder bestimmten Bewegungen Gedanken zu machen.

Vielleicht sind die Töne doch noch nicht so sicher wie du dachtest?

Teste dies, indem du dir nochmal beide Hände einzeln vorspielen lässt. Klappt dies, dann liegt es nicht an den Tönen. Ist dies aber unsicher, dann heißt die Lösung:

Lasse sie eine Woche „von zwei Seiten spielen“.

Hier üben sie jede Hand für sich UND bauen sie anschließend wieder zusammen. So können sie die einzelnen Stimmen absichern und aber auch sicherer in der Koordination werden. Das braucht halt oft seine Zeit.

Ursache 3: Die Koordination abklären und üben

Eventuell ist es auch vor allem die Koordination beider Hände, die noch nicht ganz klar ist.

Teste dies, indem du dir die Stelle einmal klopfen und vorzählen lässt.

Ist dies unsicher und braucht noch etwas Übung, dann klopft und zählt ein paar Male zusammen. Mehr erfährst du im Artikel über das Rhythmusklopfen.

Anschließend kannst du die Stelle spielen und deine Schüler*innen klopfen und zählen dazu. Dann spielen deine Schüler*innen und du klopfst und zählst.

Ursache 4: Der Lagenwechsel bremst

Sobald mehrere Lagen im Stück vorkommen., wird es holprig. Es wird bis zum Taktstrich gespielt, dann wird stoppt und die nächste Lage gesucht. Dieses „Stop and go“ verschwindet auch oft nicht mit einfachem Üben, sondern wird gern auch mit eingeübt.

Die Lösung: Vorausdenken

Falls dies die ersten Stücke mit Lagenwechseln sind, unterrichte ich diese gern auswendig. In meinem Unterricht sind das zum Beispiel „Walzer in Moll“ von Fritz Emonts, „Schnelle Welle“ aus dem Tastenungeheuer und „Wellenmusik“ vom Bettina Schwedhelm.

Die beiden zuletzt genannten Stücke sind auch die, mit der die ersten Erfahrungen mit dem nachgetretenen Pedal gemacht werden. Da lasse ich die Noten gerne weg, so dass der Schüler sich auf den Rest konzentrieren kann.

Haben die Schüler*innen ihre ersten Erfahrungen mit dem Lagen- oder Positionswechsel gemacht, muss dies dann natürlich auch mit dem Notenlesen koordiniert werden.

Wir besprechen, an welchen Stellen und zu welchem Zeitpunkt sie ihre Hand verschieben müssen. Und das, während die andere Hand unbeirrt weiter spielt.

Zur Erinnerung an dieses Vorausdenken trage ich auch gern an dieser Stelle einen Pfeil in die entsprechende Richtung ein.

Diese Übergänge sind am Anfang gar nicht so einfach, da es eine neue Stufe für die Unabhängigkeit beider Hände bedeutet.

Oft muss dafür auch der letzte Ton im alten Takt verkürzt werden. Sonst kann es nicht pünktlich weitergehen. Ich erkläre dann mit einem Augenzwinkern, dass wir hier ein klitzekleines bisschen pfuschen dürfen.

Falls beide Hände verrutschen müssen, überlegen wir immer welche Hand als erstes losmarschiert. So ist der Lagenwechsel einfacher und sicherer, als wenn es beide Hände gleichzeitig versuchen.

Aber auch, wenn die sich verschiebende Hand Zeit durch eine Pause hat, braucht es zuerst Übung rechtzeitig daran zu denken.

Dieses Vorausdenken benötigt wirklich ein gutes Training, denn wir üben die richtigen Gedanken in die richtige zeitliche Abfolge zu bringen und die Hände unabhängig von einander zu bewegen.

Viel Erfahrungen mit dem Lagenwechsel und dem Vorausdenken können Schüler in den Heften „Tierisch Klavierisch“ von Karin Gross, den „Charming Moments 1“ von Sanda Labsch und in den Stücken von Jennifer Eklund sammeln.

Eine grundlegende Fähigkeit

Gleichmäßiges Spielen gehört für mich zu den grundlegenden Fähigkeiten am Klavier. Ohne dies klingt kein Stück gut oder fertig gelernt. Erst dann macht es Sinn über musikalische Interpretation zu sprechen.

Hat dir der Artikel geholfen? Waren dir alle Ursachen bekannt? Falls du noch einen weiteren Tipp für das flüssige Spielen hast, teile ihn doch gerne mit uns.

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