Clever Üben – # 1: Welche Übe-Phasen durchläuft ein Stück?

Herzlich willkommen zum ersten Teil von „Clever Üben“ auf Klavierpaedagogikentdecken.de!

In dieser Serie möchte ich effektive Übe-Strategien mit Blick auf unsere aktuelle Schülergeneration vorstellen. Sie wird „Generation Z“ genannt. Dies bedeutet, dass sie von klein auf mit digitalen Medien vertraut sind. Sie wissen, wo sie schnell an Informationen kommen und kommunizieren rege miteinander. Sie wirken sehr selbständig, sind ein hohes Tempo gewohnt und äußern offen was sie interessiert oder was ihnen nicht passt.

Wir sind ganz anders aufgewachsen, oder? Um unsere heutigen Schüler anzusprechen und motivieren zu können, benötigen wir einen anderen Unterricht als den, den wir selber erlebt haben.

Doch wie können wir das Lernen eines Musikinstrumentes weiterhin attraktiv gestalten?

Ist Popmusik die ultimative und einzige Lösung?

Brauchen unsere Schüler vor allem schnelle Erfolge, in dem wir Lernhürden stark vereinfachen? (Und unsere eigenen Ansprüche zurückschrauben?)

Was darf von unserem gewohnten Unterricht bleiben?

In welchen Bereichen sollten wir neue Wege gehen?

Ich mache die Erfahrung, dass ein partnerschaftlicher, aufgeschlossener Unterricht heute einen optimaler Rahmen für erfolgreichen Unterricht setzt. Das Ziel meines Unterrichts ist die langfristige Selbständigkeit des Schülers und eine lebenslange Freude am Klavierspielen.

Zu diesem Zweck sind das aktive Mitdenken und die Effektivität des Übens sehr wichtig. Dadurch wird ein gutes Lerntempo erreicht und der Schüler ist für das weitere Üben und eventuell auftretende Hürden motiviert.

Wir sind gewohnt, dem Schüler die nächsten Aufgaben für sein Üben zu geben. Damit bleiben die Schüler aber von uns abhängig und kommen kaum auf die Idee, sich eigene Gedanken zu machen.

Um dies zu ändern, übe ich mit meinem Schüler sehr viel gemeinsam im Unterricht. Ich erkläre warum eine Stelle Schwierigkeiten macht und mit welcher Strategie er sie meistern kann.

Je mehr Übe-Strategien er kennt und anwenden kann, desto mehr darf er selbst entscheiden wie er die Stelle zu Hause üben möchte. Bis das es soweit ist, stehe ich ihm „beratend“ zur Seite.

Im letzten Halbjahr habe ich erprobte und bewährte Übe-Strategien für meine Schüler zusammengestellt. Ich dachte es wäre eine gute Idee, diese auch mit dir zu teilen. So ist die Idee zu meiner „Clever Üben“ – Serie entstanden. Ich nutze diese Strategien ab Grundschulalter und dem Beginn des Zusammenspiels.

Eine ausführliche Einführung der Serie findest du hier.

 

Die drei Übe-Phasen eines Stückes

Im heutigen Artikel geht es um die aufeinander aufbauenden Übe-Phasen, die jedes Stück nacheinander durchläuft. Ich habe diese Phasen „(Kennen)Lernen“,  „Üben“ und „Spielen“ genannt.

Diese Einteilung hilft dabei, den Übeprozess besser zu verstehen. Wenn unser Schüler weiß, in welcher Phase sich sein Stück befindet, kennt er das aktuelle Ziel seines Übens. Anschließend kann er sich die passenden Übe-Strategien heraussuchen.

So würde ich die Phasen charakterisieren und erarbeiten:

  1. Phase: Das (Kennen)Lernen

Das Kennenlernen eines Stückes beginnt mit den Informationen, die wir auf den ersten Blicken den Noten entnehmen können. Wenn wir über Titel, Komponist, Epoche, Tempo, Ton- und Taktart sprechen, entsteht schon vor dem ersten Spielen bzw. Hören eine Vorstellung des Stückes.

Dieses Besprechen findet immer gemeinsam im Unterricht statt. Ich lasse diese Punkte entdecken oder frage sie gezielt ab. Diese Entdeckungstour kann jetzt bereits Fehler ausschließen, bevor sie aufgetreten sind und nimmt die erste Angst vor einem neuen Stück.

Schnell geht es dann um die verwendeten Rhythmen, Artikulationen und Positionen der Hände. Alles kann bereits vor dem ersten Spiel im Einzelnen geübt werden. Damit sind wir dann schon bei den ersten Übe-Strategien, die ich in den nächsten Artikeln vorstellen möchte.

Ist das neue Stück auf diese Weise entdeckt worden, beginnt in der Regel das Spielen der einzelnen Hände. Bei den ersten Durchgängen, die im Unterricht stattfinden, wird natürlich nicht alles gelingen, doch der Schüler macht weniger Fehler und kann sich Korrekturen schneller merken.  Vieles ist schon jetzt eine Wiederholung, da alles bereits vorab kennengelernt wurde. Dies ist viel effektiver, da auch Zuhause weniger Fehler auftauchen und diese nicht erst eine Woche lang falsch abgespeichert werden.

Generell gilt: Je gründlicher diese Phase genutzt wird, umso weniger Startschwierigkeiten und Fehler wird der Schüler mit diesem Stück erleben.

  1. Phase: Das Üben

Das Üben ist die Phase, welche die meiste Zeit, Arbeitseinsatz und Geduld erfordert. Während in der Kennenlern-Phase viele Aspekte zuerst einzeln geübt oder besprochen wurden, werden diese nun zusammengefügt und koordiniert. Es beginnt nun das beidhändige Spiel.

Im Laufe des Übens kristallisieren sich schwere Stellen heraus, die besonders von den Übe-Strategien profitieren können. Wir überlegen gemeinsam was hier Schwierigkeiten macht und wählen dann die passende Strategie aus. Je mehr Erfahrungen der Schüler hat, umso selbständiger kann er dies später allein entscheiden.

Bei der Anwendung einer Strategie achte ich darauf, dass der Schüler sie in der Stunde versteht und merkt, dass sie wirklich etwas bringt. Mit den ersten Erfolgen hat er oft die schwierigste Hürde bereits im Unterricht überwunden und fühlt sich kompetent genug, auf diese Weise auch Zuhause weiter zu üben.

Eine wichtige Stütze ist hier das möglichst genaue Notieren der Hausaufgaben. Dazu gehören die Stelle, die Übe-Strategie, die Anzahl der Wiederholungen und die zu beachtenden Details. Näheres zu meiner Übe-Liste findest du im Artikel über Unterrichtsplanung.

  1. Phase: Das Spielen

In dieser letzten Phase des Übens geht es nun um ein möglichst fehlerfreies, aber vor allem auch um ein musikalisches Spiel. Jetzt  steht der Charakter des Stückes im Vordergrund. Es kann mit dem Ausdruck gespielt werden, zum Beispiel Tempo oder Dynamik können zu allen Seiten ausgetestet werden, bis das die Interpretation stimmig ist. Deshalb heißt diese Phase auch „Spielen“.

Dieses Herumfeilen am Ausdruck macht mir persönlich immer besonders viel Spaß und es erfüllt mich mit großem Stolz, meine Schüler so schön spielen zu sehen und zu hören. Das immer tiefere Eintauchen in eine Komposition bis das man sie sich zu Eigen gemacht hat, ist eine wunderschöne Belohnung für die vorhergegangenen Mühen. Diese Erlebnisse und Erfolge möchte ich meinen Schülern ermöglichen.

Steht ein Konzert an, wünschen sich Lehrer und Schüler ein sicheres und fehlerfreies Spiel. Dieses „Training“ findet ebenfalls in dieser Phase statt. Das Stück des Schülers sollte sich auf jeden Fall in der dritten Phase befinden, damit er möglichst erfolgreich im Konzert glänzen kann.

Übrigens kann auf diese dritte Phase auch verzichtet werden. Nicht jedes Stück muss perfekt werden. Manches dient vielleicht nur zur Vermittlung einer bestimmten Technik oder Erfahrung. Oder dem Schüler gefällt das Stück einfach nicht. In diesem Fall kann es im Verlauf der 2. Phase abgeschlossen werden.

Zusammenfassung der drei Lern-Phasen:

  1. Phase: Das (Kennen-) Lernen

  • erster Eindruck über den Charakter/ Ausdruck
  • unterschiedliche Bausteine (Titel, Komponist, …) werden besprochen und separat kennengelernt
  • die Hände spielen einzeln

   Ziel: Kennenlernen der Töne und Eigenheiten des neuen Stückes

 

  1. Phase: Das Üben

  • längste und aufwändigste Phase
  • beidhändiges Spiel (Koordination)
  • schwere Stellen üben

   Ziel: Einüben und Absichern von Tönen, Rhythmus und Artikulation

 

  1. Phase: Das Spielen

  • Interpretation und Absichern
  • Konzertvorbereitung

     Ziel: Musikalisches Spielen des Stückes mit Dynamik und im richtigen Tempo

 

Ausblick

Wir Lehrer können gewiss nur einen Teil für den Erfolg am Instrument beitragen, ohne Interesse und Mitarbeit der Schüler und der Unterstützung der Eltern geht es nicht. Doch den Bereich, den wir beeinflussen können, sollten wir so gut wie möglich nutzen.

Je mehr wir unsere Schüler am Unterricht beteiligen, umso mehr profitieren sie davon und wachsen zu selbständigen Pianisten heran. Je mehr Selbständigkeit und Verständnis die Kinder der Generation Z erfahren, desto größer sind ihr Interesse und ihre Motivation.

Die drei Übe-Phasen bilden das Gerüst für einen selbständigen Übe-Prozess. In den nächsten Artikeln werde ich die einzelnen Übe-Strategien vorstellen und den Phasen zuordnen.

Ich würde mich sehr über deine Gedanken und Erfahrungen zum heutigen Thema „Lern-Phasen eines Stückes“ freuen. Hinterlasse sie als Kommentar oder schreibe mir eine E-Mail an carina(at)klavierpaedagogikentdecken.de.

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Vielen Dank fürs Lesen und einen schönen Unterrichtstag!

2 Kommentare

  1. Merk ich mir mal und bau es ne mir ein! Danke für die etwas andere Ausdrucksweise dessen, was das Üben betrifft. Andere Sichtweisen Rücken die eig. Arbeitsweise immer wieder zurecht.

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