Clever Üben – Tipp # 1: Welche Übe-Phasen durchläuft ein Stück?

Wie selbstständig und erfolgreich üben deine Schüler?

In der Clever Üben Serie möchte ich bewährte und effektive Strategien vorstellen,  die deine Schüler recht selbstständig einsetzten können.

Doch zuerst sollte dein Schüler wissen, wo er sich gerade überhaupt befindet. Dann kann er sich die Übe-Strategien heraussuchen, die ihn weiter bringen.

Warum ich diese Orientierung wichtig halte? Unsere Schüler sind einfach anders als wir. Die Digitalisierung macht sie selbständiger als wir es je waren. Sie wollen verstehen was im Unterricht passiert und den Übeprozess besser verstehen.

Um unsere heutigen Schüler anzusprechen und zum Üben zu motivieren, benötigen wir einen anderen Unterricht als den, den wir selber erlebt haben. Klar, effektiv und partnerschaftlich.

Meine einführenden Gedanken zur Serie findest du hier.

Die drei Übe-Phasen eines Stückes

Eine Einteilung hilft dabei, den Übeprozess besser zu verstehen. Wenn dein Schüler weiß, in welcher Phase sich sein Stück befindet, kann er sich die Übe-Strategien heraussuchen, die ihn weiter bringen.

Jedes Stück durchläuft drei Phasen: Das „(Kennen)Lernen“, es folgt das „Üben“ und letztendlich das „Spielen“.

Schauen wir uns die einzelnen Phasen näher an:

  1. Phase: Das (Kennen)Lernen

Das Kennenlernen eines Stückes beginnt mit den Informationen, die wir auf den ersten Blicken den Noten entnehmen können.

„Was siehst du?“

Wenn ihr über Titel, Komponist, Epoche, Tempo, Ton- und Taktart redet, entwickelt dein Schüler schon vor dem ersten Spielen bzw. Hören eine Vorstellung des Stückes.

Diese Entdeckungstour kann Fehler ausschließen, bevor sie aufgetreten sind und nimmt die erste Angst vor einem neuen Stück.

Als nächstes folgen die verwendeten Rhythmen, Artikulationen und Positionen der Hände.

Nach dem Entdecken vieler Informationen beginnt das Spielen der einzelnen Hände. Die ersten Unterrichtsjahre solltest du dies im Unterricht machen lassen. Es gibt deinem Schüler Sicherheit und du ersparst ihm durch deine Hilfestellungen und Erklärungen kostbare Übezeit. Zuhause wird er weniger Fehler machen.

Je gründlicher diese Phase genutzt wird, umso schneller wird dein Schüler dieses Stück lernen.

  1. Phase: Das Üben

Das Üben ist die Phase, welche die meiste Zeit, Arbeitseinsatz und Geduld erfordert. Während in der Kennenlern-Phase viele Aspekte zuerst einzeln geübt oder besprochen wurden, werden diese nun zusammengefügt und koordiniert. Es beginnt nun das beidhändige Spiel.

Es kristallisieren sich schwere Stellen heraus, die besonders von den Übe-Strategien profitieren können.

“ Was ist hier die Schwierigkeit? „

Du überlegst gemeinsam mit deinem Schüler was genau hier Schwierigkeiten macht. Dann könnt ihr die passende Strategie auswählen. Je mehr Erfahrungen der Schüler hat, umso selbständiger kann er dies später allein entscheiden.

Falls die Übe-Technik für deinen Schüler neu ist, übe sie mit ihm in der Stunde. Er sollte sie verstanden haben und auch schon einen ersten Erfolg spüren können. Dann übt er gut motiviert auf diese Art zu Hause weiter.

Eine wichtige Stütze ist das genaue Notieren der Hausaufgaben. Dazu gehören die Stelle, die Übe-Strategie, die Anzahl der Wiederholungen und die zu beachtenden Details. Näheres zu meiner Übe-Liste findest du im Artikel über Unterrichtsplanung.

  1. Phase: Das Spielen

In dieser letzten Phase des Übens geht es nun um ein möglichst fehlerfreies und musikalisches Spiel. Nachdem die Grundlagen des Stückes gelernt sind, steht der Charakter des Stückes im Vordergrund. Betonungen, Tempi und Dynamik helfen, damit die Interpretation stimmig wird.

Dieses Herumfeilen am Ausdruck macht mir persönlich immer besonders viel Spaß. Es erfüllt mich mit großem Stolz, meine Schüler so schön spielen zu hören. Zu sehen, dass sie es trotz Schwierigkeiten geschafft haben.  Diese musikalischen Erlebnisse und Erfolge möchte ich meinen Schülern ermöglichen.

„Wie schön kannst du es spielen?“

Die Phase des Spielens ist besonders vor einem Konzert wichtig. Dein Schüler und du wünscht euch doch bestimmt ein sicheres und fehlerfreies Spiel, oder?  Das Stück deines Schülers sollte sich auf jeden Fall in der dritten Phase befinden, damit er im Konzert glänzen kann.

Andererseits kann auf diese dritte Phase auch verzichtet werden – nicht jedes Stück muss perfekt werden! Es kann sein, dass es deinem Schüler einfach nicht gefällt. Erkläre ihm warum du es für ihn sinnvoll findest und was das zu erreichende Minimum ist. Und dann solltet ihr es so schnell wie möglich abschließen!

Zusammenfassung der drei Lern-Phasen:

  1. Phase: Das (Kennen-) Lernen

  • erster Eindruck über den Charakter/ Ausdruck
  • unterschiedliche Bausteine (Titel, Komponist, …) werden besprochen und separat kennengelernt
  • die Hände spielen einzeln

   Ziel: Kennenlernen der Töne und Eigenheiten des neuen Stückes

  1. Phase: Das Üben

  • längste und aufwändigste Phase
  • beidhändiges Spiel (Koordination)
  • schwere Stellen üben

   Ziel: Einüben und Absichern von Tönen, Rhythmus und Artikulation

  1. Phase: Das Spielen

  • Interpretation
  • Absichern und Konzertvorbereitung

     Ziel: Musikalisches Spielen des Stückes mit Dynamik und im richtigen Tempo

 

Ausblick

Wir Lehrer können nur einen Teil für den Erfolg am Instrument beeinflussen, ohne Interesse und Mitarbeit der Schüler und der Unterstützung der Eltern geht es nicht.

Doch je mehr wir unsere Schüler am Unterricht beteiligen, umso mehr profitieren alle davon. Je mehr Selbständigkeit und Verständnis die Kinder der Generation Z erfahren, desto größer sind ihr Interesse und ihre Motivation.

Die drei Übe-Phasen bilden das Gerüst für einen selbständigen Übe-Prozess.

Lass deine Schüler in den nächsten Stunden einschätzen in welcher Phase sie sich befinden.

Kennenlernen, Üben, oder Spielen?

Wie realistisch sehen sie ihren Fortschritt?

In den nächsten Artikeln werde ich dir die einzelnen Übe-Strategien vorstellen und den Phasen zuordnen.

2 Kommentare

  1. Merk ich mir mal und bau es ne mir ein! Danke für die etwas andere Ausdrucksweise dessen, was das Üben betrifft. Andere Sichtweisen Rücken die eig. Arbeitsweise immer wieder zurecht.

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