Normalerweise lernen Schüler*innen Jahr für Jahr weniger Stücke durch den ansteigenden Schwierigkeitsgrad. Doch ich wollte mithilfe der 40 Piece Challenge diesen Trend umkehren: Meine Schüler*innen sollen mehr Stücke pro Schuljahr lernen!
Mehr Stücke, mehr Erfahrungen und dadurch besseres Klavierspielen.
Ein Schuljahr lang habe ich diese Challenge getestet. Jetzt verrate ich, ob diese Aktion sinnvoll war, wie viele Stücke meine Schüler*innen gelernt haben, was mir gefallen hat und was vielleicht nicht so gut geklappt hat.
Du erfährst, welche Literatur ich besonders geeignet fand – und auch, ob ich mir so eine Challenge noch einmal vorstellen könnte.
Doch zuerst einmal zum Ausgangspunkt – warum eine 40 Piece Challenge?
Welche Ziele hat die „40 Piece Challenge“?
Kurz gesagt, geht es in dieser Challenge um das Sammeln von möglichst vielen Erfahrungen, so dass das Musikverständnis wächst. Die Schüler spielen mehr Stücke und werden dadurch besser im Notenlesen, verstehen Stücke schneller, erfahren unterschiedliche Stilistiken und sammeln mehr pianistische Fertigkeiten.
Besseres Notenlesen, mehr Selbständigkeit, mehr Interpretationssicherheit und mehr Musikerlebnisse.
Dies gelingt vor allem dadurch, dass sie eine Menge Stücke spielen, die etwa ein bis zwei Schwierigkeitsstufen unter ihrem Niveau liegen.
Falls du über die Geschichte der Challenge und ihrer „Erfinderin“, die australische Komponistin und Klavierpädagogin Elissa Milne lesen möchtest, findest du viele weitere Informationen und Links zu originalen Blogartikeln und anderen Meinungen im Artikel „Die 40 Piece Challenge und was wir davon mitnehmen können„.

Müssen es wirklich 40 Stücke sein?
Ich finde nicht.
Wenn ich es richtig verstanden habe, entstand die Zahl 40 aus der Idee, dass das australische Schuljahr in etwa 40 Wochen umfasst. Diese utopisch wirkende Zahl soll dadurch erreicht werden, indem die Schüler*innen jede Woche ein neues Stück lernen, beziehungsweise abschließen.
Laut einer schnellen Google-Recherche hat Deutschland durchschnittlich 38-40 Wochen, die Schweiz 38-39 und Österreich 36 Wochen Unterricht pro Schuljahr. Im Vergleich also minimal weniger als Australien.
Aber auch 36 Stücke pro Schuljahr sind viel.
Ich habe mir etwa 30 Stücke als Ziel genommen, doch mir war klar, dass dies schwer werden würde. Dazu jetzt mehr.
Wie viele Stücke haben meine Schüler*innen geschafft?

14 meiner Schüler und Schülerinnen haben mitgemacht. Außen vor waren meine Erwachsenen und Neuzugänge.
- 4 Schüler*innen haben 21-22 Stücke gelernt,
- 5 Schüler*innen haben es auf 18-20 Stücke geschafft,
- 3 Schüler*innen konnten immerhin 16-17 Stücke abschließen. (Darunter eine Schülerin, die drei Monate im Ausland war.)
- eine Schülerin, oft krank und langsam im Lernen, schaffte 15 Stücke und
- ein Schüler hat 12 Stücke abgeschlossen. Bei ihm fielen ganze neun Stunden aus und er hatte mit dem Wechsel in die weiterführende Schule zu tun. Als einziger hat er deutlich weniger Stücke als im Vorjahr geschafft.
Ziemlich weit weg von 30 Stücken – trotzdem war die Challenge ein großer Erfolg für mich!
Ein Erfolg deshalb, weil im Durchschnitt jeder Schüler und jede Schülerin fünf Stücke mehr als im Vorjahr gespielt hat. (Die Zahl aus dem Vorjahr habe ich bei jedem eingekreist und farbig markiert.)
Welche Erfahrungen habe ich mit der 40 Piece Challenge gemacht?
Eines vorweg – Ich fand die Challenge toll, denn sie hat so viel Leichtigkeit in den Unterricht gebracht!
Zu Beginn beschäftigte mich vor allem die Frage, wo ich genügend leichte Literatur zusätzlich finden würde. Gemeinsam mit meinen beiden Kolleginnen Nathalie und Katrin haben wir uns darüber in unserer kleinen Arbeitsgruppe ausgetauscht. Nathalie hatte in den letzten Jahren schon einige Erfahrung mit der 40 Piece Challenge gesammelt und einige Tipps.
In den ersten Monaten des Schuljahrs fand ich die zusätzliche Literaturbeschaffung etwas anstrengend. Ständig brauchten alle neue Stücke!
Nachdem ich dann einige Hefte getestet und gefunden hatte, wurde es leichter. (Etwas weiter unten findest du dazu meine Literatur-Tipps.)
Trotzdem ging es längst nicht so schnell vorwärts, wie es nötig gewesen wäre. Als ich im Laufe des Schuljahrs sah, dass keine*r die 30 Stücke schaffen würde, änderte ich mein Ziel. Nun ging es mir darum, dass meine Schüler*innen mindestens gleich viele Stücke als im Vorjahr lernen würden. Alles darüber war quasi ein Bonus.
Ich habe schon davon erzählt – für mich war der größte Gewinn die Leichtigkeit, die im Laufe des Jahres entstand. Vielleicht auch, weil ich eher das Gegenteil erwartet hatte. Das es anstrengend oder verbissen werden würde.
Bei der Auswahl der Stücke konnte ich ganz frei alles nehmen, was mir in die Hände fiel, gut klang und an dem es etwas zu Lernen gab.
Mir ist durchaus klar, dass ich das generell tun kann, doch auch wenn ich überhaupt kein „schneller-höher-weiter“-Typ bin, strebe auch ich danach, dass meine Schüler*innen vorwärts kommen und ihre Stücke im Schwierigkeitsgrad zunehmen. (Vielleicht so ein Ding von klassischen Musiker*innen?)
Meine Schüler*innen waren offen und neugierig auf die neuen Stücke und waren jedes Mal erstaunt, wenn sie wieder ein Stück mit Leichtigkeit und in kurzer Zeit gelernt hatten.
Sie erlebten, dass nicht jedes neue Stück Wochen dauerte und hart erübt werden musste! Es entstand ein Kompetenzgefühl und eben die schon erwähnte Leichtigkeit. Das hat mir schon zu denken gegeben.
Glücklich wurden fertige Stücke auf ihre Liste, die ich von Wendy Stevens nutzte, aufgeschrieben. (Dies ist eine Änderung zum Original, dort werden die Stücke zu Beginn des Lernens aufgeschrieben, bei uns erst danach.)
Dann wurde stolz auf meine Masterliste geguckt, wie ich dort das nächste Kreuzchen machte. Gern wurde auch nachgeschaut, wer denn gerade am Weitesten wäre und natürlich mit wie vielen Stücken.
Beim Abschließen der Stücke habe ich auch mal „fünfe gerade sein“ lassen, was das fehlerfreie Durchspielen anging. Wichtig war mir, dass sie die Inhalte des Stückes verstanden hatten.
Zum Ende des Schuljahres entstand ein kleines Wettrennen zwischen einer 9jährigen Schülerin und einem 13jährigen Schüler, da sie Kopf an Kopf vorne lagen. Sie waren beide motiviert und wollten mehr als der jeweils andere schaffen. Ich fand es interessant, dass sie sich trotz Altersunterschied miteinander messen wollten und konnten.
Die Stücke, die ich aussuchte, waren auch eher die, bei denen ich ahnte, dass sie meinen Schüler*innen gefallen würde. Nur ganz gezielt habe ich auch mal stilistisch etwas anderes herausgesucht. (In den originalen Regeln wird wohl etwas mehr auf ein breites, stilistisch abwechslungsreiches Angebot geachtet.)
Ich wollte nicht, dass der Anspruch verloren ging oder es einfach nur um ein weiteres, gelerntes Stück ging. Also wie am Fließband Stücke abgearbeitet wurden. Ich glaube das ist gut gelungen.
Je älter meine Schüler*innen waren, desto mehr habe ich sie auch allein lernen und üben lassen. Die große Selbständigkeit habe ich aber nicht entdecken können, doch das lag bestimmt auch an mir. Ich hatte den Fokus darauf, dass die Challenge auch für jede*n ein Erfolg wurde.

Welche Literatur besonders geeignet ist
Natürlich kann im Prinzip jegliche Literatur genutzt werden. Ich habe die ganz normal geplanten Stücke aus den Heften meiner Schüler*innen genommen, doch dazu kamen dann noch leichtere Kompositionen, die oft nur eine Seite lang waren.
Einige Hefte mit kurzen, leichten Stücken habe ich besonders hilfreich für die 40 Piece Challenge empfunden. Dazu habe ich einige Stücke als Studiolizenzen gekauft. Die finde ich auch sehr praktisch für die Challenge, da ich nicht immer ein neues Heft anschaffen lassen muss und ganz ohne schlechtes Gewissen Kopien ausdrucken kann.
Alle Erwähnungen sind unbezahlte Werbung und können beim Notenhändler deiner Wahl bestellt werden. Alles andere habe ich verlinkt, damit du nicht lange suchen musst.
- von Karin Groß: „Klein, aber fein„, sowie „Tierisch Klavierisch 1&2„, wobei die eher die normalen Literaturlevel abdeckten,
- von Sandra Labsch: „Start Smart 1„, „Start Smart 2„, „Charming Moments Vol.1„, „Charming Moments Vol.2„, sowie „1 Melodie-37 Begleitungen“ und ganz neu erschienen „Dreamy Piano Studies„,
- von Theresia Prelog: „Melodische Klavierübungen für Anfänger“ und die „Flowing Piano Songs“
- sowie Stücke von William Gillock, Wendy Stevens , Samantha Coates, und Jennifer Eklund.
Wie du auch eine „40 Piece Challenge“ startest
Falls du die Stücke-Challenge einmal testen möchtest, empfehle ich dir folgende Schritte:
- Lade dir die Listen von Wendy Stevens herunter. 30 Stücke reichen.
- Drucke für dich die Übersicht aus und für jede*n Teilnehmer*in eine Liste.
- Verteile die Listen und erkläre kurz die Idee dahinter.
- Lass deine Schüler*innen sofort leichte Hefte anschaffen und kaufe dir ein paar Studiolizenzen.
- Habe neben den normalen Stücken immer zwei bis drei leichte Stücke vorausgeplant.
Und nicht vergessen: Im Prinzip kannst du allein und auch individuell entscheiden welche Schüler wie viele Stücke lernen sollen, um die Challenge zu schaffen. Das können auch 20, 25 oder 30 Stücke sein oder es gibt gar keine festgelegte Zahl, auch wenn sie ein motivierendes Ziel sein kann.
Werde ich die Challenge noch einmal machen?
Auf jeden Fall! Ehrlich gesagt – Ich kann es mir nicht mehr anders vorstellen!
Ich werde weiterhin mehr leichte Stücke einbauen und alle gelernten Stücke auch in eine Liste eintragen. Die neuen Listen von Wendy Stevens habe ich bereits heruntergeladen und für alle Schüler*innen ausgedruckt…
Aber – ich werde auch in diesem Schuljahr den Erfolg weiterhin nicht an einer bestimmten Zahl festmachen, sondern weiterhin jeden Schüler und jede Schülerin an sich und in der entsprechenden Situation messen.
Für mich ist es ein Erfolg, wenn ein Schüler oder eine Schülerin genauso viele Stücke wie im Vorjahr lernt. Jedes weitere Stück ist ein Bonus.
Vielleicht entscheide ich mich später einmal für eine feste Zahl, doch dafür möchte ich gern noch etwas mehr Erfahrung sammeln.
Der einzige Nachteil, den ich bisher an der 40 Piece Challenge entdecken konnte ist, dass wenig Zeit und Energie für andere Bereiche bleiben. Natürlich können technische Übungen oder Improvisationen auch als Stück deklariert werden, doch ich hatte das Gefühl, dass vieles, was mir wichtig ist, durch die Challenge zu kurz kommt.
Ich möchte weiterhin Aktionsthemen über Theorie, Technik und Kreativität organisieren, damit meine Schüler*innen umfassender über Musik lernen. Deshalb möchte ich einer festen Zahl an Stücken nicht um jeden Preis hinterherjagen.

Was denkst du nun über die Idee der „40 Piece Challenge“? Möchtest du sie auch einmal testen?
